Der Wille zur Macht – Zweiter Teil

Eine Partei im hier beschriebenen Sinne ist keine Einrichtung, die sich für irgendwelche sozialen Dinge einsetzt. Man mag empört sein über die politische Bevormundung des Bürgers und eine Partei gründen. Man mag entsetzt sein über die sozialen Bedingungen der Arbeiterschaft und gleichfalls eine Partei gründen. Das alles sind noch keine Parteien im hier beschriebenen Sinne. Sie werden es erst in dem Augenblick, in denen sich hier Politiker zusammenfinden, um ihre Machtinteressen gegenseitig abzustimmen.

Wie stimmen Politiker gegenseitig ihre Machtinteressen ab? Nun, es gibt ein Amt zu vergeben, welches einem eine gewisse Macht verleiht. Beispielsweise kann man mit diesem Amt andere, untergeordnete Ämter besetzen. Da nicht jeder Politiker dieses eine Amt erlangen kann, streben einige zunächst eines dieser untergeordneten Ämter an. Dazu einigen sie sich auf einen Kandidaten für das übergeordnete Amt, der ihnen als Gegenleistung für ihre Unterstützung die untergeordneten Ämter geben soll.

So bilden sich Netzwerke aus Machtbeziehungen. Allianzen werden geschmiedet, Fronten geklärt, Unsicherheitsfaktoren kalt gestellt, Belohnungen verteilt, neue Allianzen geschmiedet und so weiter: das eigenartige, zähflüssige Hintergrundrauschen, welches den politischen Betrieb begleitet, leitet sich von diesem seltsamen Machtkampf ab. Denn ein sehr seltsamer Kampf ist es, der hier ausgelebt wird. Denn bisher könnte man den vorgestellten Mechanismus durchaus als zeitlos beschreiben:

In die konkreten Beziehungen schiebt sich die Partei

Die Fürsten einer Feudalgesellschaft, die sich auf einen König einigen, der ihnen als Belohnung Land und Privilegien verleiht. Andere Fürsten, die sich auf einen anderen König einigen, der mit dem ersten König um die Oberherrschaft ringt. Alles das ist nicht grundlegend verschieden von den hier vorgestellten Machtbeziehungen. Doch grundlegend verschieden ist die Art dieser Beziehungen. Denn in die Beziehungen von Mensch zu Mensch hat sich die Partei geschoben. Und diese ändert einiges.

In der Feudalgesellschaft waren sämtliche Beziehungen von Mensch zu Mensch völlig konkret, auch die Machtbeziehungen. Ich habe ganz konkret meine Treue einem ganz konkreten Menschen geschworen, der mir für diese Treue ein ganz konkretes Versprechen gab. Und hat sich eine Seite nicht daran gehalten, so gab es ganz konkrete Reaktionen. Für meine Untreue konnte mein Land verheert und eingezogen werden, für meine Treue durfte ich Schutz und Sicherheit verlangen und so weiter.

Das alles waren aber ganz konkrete Beziehungen. Ich wußte, wer über mich Macht hat und über wenn ich Macht habe. Aber in einer Partei ist das nicht mehr der Fall. Denn hier ist nicht ein wirklicher Mensch, sondern eben die Partei selbst, zum Träger von Macht geworden. Ein mächtiger, charismatischer Mensch, der aufsteigt und seine Günstlinge und Förderer mit nach oben reißt: In der Anfangsphase einer Partei ist das vielleicht noch möglich, aber sobald diese ein Eigenleben entwickelt, ist das vorbei.

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