Superwahljahr

 

Bachkantate

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist ein Leitmotiv der Globalisierung. Das Flugzeug bringt den saturierten Späteuropäer binnen Stunden komfortabel in Regionen, in denen das Mittelalter oder gar die Steinzeit noch nicht lange vorüber scheinen oder sogar bis an seine vollklimatisierte Hotelinsel heranreichen. Manchmal aber genügt auch eine kurze Autofahrt, um in ein anderes Deutschland zu gelangen.

Es ist schon ein paar Jahre her, da führte mich ein herbstlicher Vortragstermin für ein Wochenende in Thüringens Hauptstadt Erfurt. Bei der sonntäglichen Rückfahrt verschmähte ich die nagelneue Autobahn, um über baumgesäumte Landstraßen durch einige der kleinen thüringischen Städte mit den großen klingenden Namen zu fahren.

Wie Perlen an der Schnur reihen sich hier im Herzen Deutschlands sorgfältig renovierte Altstadtkerne, sauber gepflastert und frisch gefegt, aneinander wie frisch herausgeputzte Deutschland-Museen. Kaum Kriegszerstörungen, die Verwüstungen des sozialistischen „Ruinen schaffen ohne Waffen“ haben die ausnahmsweise einmal segensreich ausgegebenen Steuergelder des Solidarpakt Ost geschlossen. Zumindest architektonisch ist hier, um mit Ernst Jünger zu sprechen, „die Verbindung zum Mittelalter noch nicht abgerissen“.

Wahrhaftig, ein anderes Deutschland

So auch in Arnstadt, der 704 erstmals urkundlich erwähnten ältesten Stadt Thüringens, wo Johann Sebastian Bach seine erste Stelle als Organist und seine erste Frau fand. „Bachstadt“ nennt sich das Städtchen an der Gera stolz und müht sich mit Ausstellungen und Festspielen redlich, diesem Ehrentitel gerecht zu werden.

Vor der Bachkirche – im 17. Jahrhundert als mustergültige protestantische Hallenkirche nach einem Brand wiedererrichtet, mit zwei Emporen und einem von der Orgel, an welcher schon der junge Johann Sebastian musizierte, dominierten heilignüchternen Innenraum – liegt in sonntäglicher Ruhe ein alter Brunnen. Drei Kinder, zwei Jungs und ein Mädchen, tanzen spielend auf der Umfassung und singen dabei Bach-Chorsätze. Der Mesner ermahnt sie zu leiserem Gesang, um den Gottesdienst nicht zu stören, und sie sollten gleich hereinkommen. Der graubärtige Pastor segnet die gleichalte kleine Gemeinde.

Ein anderes Deutschland, tatsächlich. Der Großstädter staunt wie ein Entdeckungsreisender.

 

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