Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Von den Zensoren – erster Teil

Die Frage, ob in einer Gesellschaft zwischen zulässigen und unzulässigen Meinungen unterschieden werden darf, ist schon recht alt und wird wohl nie entschieden werden. Bis hin zur Neuzeit galt unwidersprochen die Vorstellung einer gesellschaftlichen Elite, deren Aufgabe darin besteht, die Masse des Volkes von schädlichen Einflüssen fernzuhalten. Seit der Neuzeit – genauer gesagt seit der Reformation – ist aber auch zunehmend die gegenteilige Vorstellung auszumachen.

Diese neue Vorstellung, die mit der Aufklärung eng verbunden ist, sieht durch eine umfassende Bildung die Masse des Volkes selbst in die Lage versetzt, für sich entscheiden zu können, was für einen ein schädlicher Einfluß ist und was nicht. Statt Zensur dieser oder jener Meinung forderten sie daher Meinungsfreiheit, welche eine selbsttätige Selbstbildung zulässt. Bis heute bewegt sich die Auseinandersetzung mehr oder weniger in diesem Rahmen und sie soll auch nicht hier entschieden werden.

Nur auf ein Phänomen sei hier hingewiesen. Das Amt des Zensors, in der alten römischen Republik eine der höchsten Auszeichnungen, die ein Bürger überhaupt erhalten konnte, wird heutzutage von Menschen ausgefüllt, die man beim besten Willen nicht zur intellektuellen Elite zählen kann. Auf geheimnisvollen Wegen der Rekrutierung findet eine zunehmende Auslese der Unfähigsten statt. Ist es die Macht, welche der Minderbemittelte im Austausch der Meinungen nur hier erlangen kann? Man weiß es nicht.

Der Zensor steht unter der breiten Masse

Tatsache ist jedenfalls, daß in dem Maße, wie die breite Masse des Volkes eine Höhe erreicht, die sie zur Selbstbildung befähigen würde, zugleich Menschen als Zensoren auftreten, die eigentlich weit hinter dieser Höhe zurückgefallen sind. Wer aus irgendeinem Grund wirklich stumpfsinnige und ihres Verstandes nicht mächtige Menschen sucht, der braucht heute nur die Umschlagsplätze der Politischen Korrektheit aufsuchen. Er wird immer fündig werden, nie werden sie ihn enttäuschen.

Alleine der Anspruch, mit dem ihre Anhänger auftreten – wir verteidigen die offene, plurale Gesellschaft – bietet eine faszinierende Aussicht auf ein breites Tableau der Dämlichkeit. Genauso gut könnte der eifrige Betreiber eines Schlachthofes erklären, er würde einen aktiven Beitrag zur Verbreitung des Vegetarismus leisten, während neben ihm die Rinder- und Schweinehälften vorüberziehen. Man braucht also erst gar nicht zu versuchen, solchermaßen von sich Überzeugten auf ihren Irrwitz hinzuweisen.

Aber immerhin bereichern diese Insassen der politisch korrekten Anstalt zumindest auf eine Weise unser intellektuelles Leben durchaus. Denn sie besitzen nicht nur den Ehrgeiz, unsere Sprache von in ihren Augen schädlichen Begriffen zu befreien, sondern sie wollen diese durch neue, wohlfeile Begriffe ersetzen. Und ab hier kann es durchaus sehr unterhaltsam werden. Stolz wie Hennen bebrüten und behudern sie ihre neuen Begriffe. Schauen wir sie uns doch einmal mit unserem kalten, herzlosen Verstand an.

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