Sprachbericht als Armutszeugnis

Großspurig und vollmundig stellten Sprachwissenschaftler Anfang März in Berlin die fünfseitige Kurzfassung eines ersten „Berichts zur Lage der der deutschen Sprache“ vor. Herausgeber sind die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Im Herbst soll – später als ursprünglich geplant – der volle Bericht erscheinen, doch schon jetzt ist abzusehen, daß er auf der ganzen Linie enttäuschen wird, weil er – wie zu erwarten war – beschwichtigt, verharmlost, abwiegelt.

Der Lagebericht ist als wissenschaftlicher Bericht getarnt. Doch schon bei der Vorstellung ließ der Germanist Peter Eisenberg die Maske fallen, indem er seine Absichten verriet, und die sind alles andere als wissenschaftlich: Man hoffe, drohte Eisenberg, daß künftig nicht mehr jeder ungestraft jeden Unfug über den vermeintlichen Sprachverfall verbreiten könne. Ob der verbitterte Hochschullehrer den verhaßten Sprachschützern Prügel-, Gefängnis- oder lediglich Geldstrafen wünscht, offenbarte er freilich nicht. Offenbar wurden jedoch die mangelnde Toleranz und der Standesdünkel der Sprachwissenschaftler.

Den Fachleuten mangelt es an Fachwissen

Dabei steht dieser Dünkel der vermeintlichen Besserwisser auf wackliger fachlicher Grundlage. Angelika Storrer von der Universität Dortmund etwa hat sich als Gegenstand der Sprachkritik die sogenannten Streckverbgefüge vorgenommen und blamiert sich mit den folgenden Sätzen: „Ein Beispiel hierfür ist das Gefüge ‚Absage erteilen‘, das in fast allen Belegen in einem Sinne verwendet, der sich mit ‚absagen‘ gar nicht mehr ausdrücken ließe: Wenn ein Politiker einem Krieg eine Absage erteilt, heißt das schließlich nicht, daß er einen Krieg absagt.“ Daß nach „absagen“ auch der Dativ stehen und man also auch „einem Krieg absagen“ kann, weiß die Sprachwissenschaftlerin nicht – peinlich, peinlich.

Auch Eisenberg langt kräftig daneben, zum Beispiel mit dieser Behauptung: „Ein Soldat in der Armee von Kaiser Wilhelm konnte gerade mal seinen Namen schreiben.“ Dem Potsdamer Sprachwissenschaftler ist entgangen, daß die kaiserliche Feldpost während des Ersten Weltkrieges etwa 28,7 Milliarden (!) Briefe und Karten beförderte. Es ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch leicht zu widerlegen, daß die Soldaten in diesen Briefen lediglich Bilder malten und nur ihren eigenen Namen hineinschrieben. Wahrscheinlich war die Schreibschrift der Soldaten häufig sogar sauberer, deutlicher und schöner als es diejenige sein kann, welche sich die Opfer der „Vereinfachten Ausgangsschrift“ heute aneignen.

Geschönte Zahlen

Briefe einfacher Leute – und das ist der Trick der Sprachwissenschaftler, mit dem sie zu ihren geschönten Ergebnissen gelangen – spielten jedoch bei der Erstellung des Berichts gar keine Rolle. Die Verfasser verzichteten darauf, Alltagstexte, Netzveröffentlichungen und mündliche Äußerungen zu untersuchen. Als Grundlage dienten ihnen redigierte Vorzeigetexte gebildeter Menschen aus Zeitungen, wissenschaftlichen Zeitschriften und schöngeistiger Literatur.

Und so berauscht sich Wolfgang Klein, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nimwegen, daran, daß der deutsche Gesamtwortschatz seit 1914 von 3,7 Millionen auf sage und schreibe 5,3 Millionen Wörter gewachsen ist: „Ich weiß nicht, wie man da von Verarmung sprechen kann.“ Der Schönheitsfehler dieser Zahlenspielerei ist allerdings, daß kein Mensch auch nur annähernd einen Wortschatz von 5 Millionen Wörtern pflegt.

Selbst Goethe, dessen umfangreicher Wortschatz gut erforscht ist, nutzte lediglich 90.000 Wörter. Im Alltag kommt ein normaler Mensch mit wenigen tausend Wörtern aus. Eine Erhebung, wie groß der durchschnittliche Wortschatz eines „Kiezdeutschen“ ist, vermissen wir jedoch im Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Sicher ist zum Beispiel, daß die Politik den Wortschatz, der von einem bayerischen Schulkind am Ende der 4. Klasse verlangt werden kann, von 1.100 Wörtern in den 1990er Jahren auf derzeit 700 Wörter gesenkt hat.

Sprachschützer psychisch krank?

Trotz aller Mängel fand der Kurzbericht ein wohlwollendes Echo in der Presse. Matthias Heine etwa nutzte in der „Welt“ die Gelegenheit, Sprachschützer als psychisch Kranke zu brandmarken. Sie seien „paranoide Kritiker“, die unter „grassierendem Sprachpessimismus“ litten und „populistisches Gerede“ verbreiteten. Heine versteigt sich gar zu den kühnen Worten: „Goethe war gut, aber wir sind besser.“ Auch Eisenberg frohlockt, freilich ohne diese These belegen zu können: „Das deutsche Volk konnte noch nie so gut schreiben.“

Dieser sprachwissenschaftliche Größenwahn ist bezeichnend für die Verharmlosung der Lage der deutschen Sprache. Statt darüber nachzudenken, wie der Status der deutschen Sprache zu heben und die Sprachkenntnisse weiter Bevölkerungsteile zu verbessern seien, reden diejenigen die Probleme schön, die eigentlich die Anwälte der deutschen Sprache sein müßten. Kein Wunder, daß die Beschwichtiger von den verantwortlichen Politikern lieber gehört werden als diejenigen, die schonungslos die Wahrheit aussprechen und den Finger in die Wunde legen. Die Lage ist ernst.

 

 

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