Schwierigkeit mit der Wahrheit

Willkürlich ausgewählte Wahrheiten höheren und höchsten Anspruchs: „Allah ist groß und Mohammed sein Prophet!“ – „Die Assad-Regierung mordet ihr eigenes Volk!“ – „Die angebliche Klimaveränderung ist ein politisch motivierter Manipulationsversuch!“ – „Der Marxismus-Leninismus ist allmächtig, weil er wahr ist!“

Mein wichtigster Indikativ: Ich bin Skeptiker, ja Skeptizist. Bekenner stimmen mich argwöhnisch, und von Bekenntnissen fühle ich mich genötigt. Dies erklärt meine Vorbehalte gegenüber dem Religiösen, gegen metaphysische Begründungen, gegen Ideologisches und die Auffassung, daß man das alles doch schon immer so gesehen hätte oder zu sehen habe. Einfach aus diesem Grunde könnte ich mich nicht zu einem Bekenntnis bekennen – ganz abgesehen davon, was alles ich zu meinen, zu empfinden und mir vorzustellen wüßte.

Man muß nicht mit Wittgenstein beginnen, für den das allermeiste Gesagte ohnehin unklar aus „mystischem Wortschatz“ rührt. Nein, wer allein nur den einfachen Schopenhauersatz „Die Welt ist meine Vorstellung“ – erste Hälfte von des Meisters Lehre – zu bedenken gewillt ist in dem Sinne, daß sie, die Welt, für mich gar nicht anders präsent sein kann als nur in meiner Vorstellung, vollbringt eine beachtliche und sehr reife Leistung, meine ich. Derjenige wüßte: Meine Vorstellung darf nicht gleich Wahrheitsgeltung beanspruchen.

Skepsis verhindert nicht Positionierung, sondern Totalitarismen

Mit Hume: „Die meisten Menschen neigen von Natur zu absprechenden und entschiedenen Aussprüchen; sie sehen die Gegenstände nur von einer Seite, denken nicht an die Gegengründe und erfassen so die ihnen zusagenden Grundsätze mit Heftigkeit und ohne Nachsicht für die, welche anderer Ansicht sind. Das Zögern und Erwägen verwirrt ihren Verstand, verstößt gegen ihre Leidenschaften und hemmt ihr Handeln. Sie verlangen deshalb mit Ungeduld, aus einem ihnen so lästigen Zustande herauszukommen und meinen, durch Heftigkeit ihrer Behauptungen und durch Hartnäckigkeit in ihrem Glauben sich nicht weit genug davon entfernen zu können. Könnten solche Leute bei ihrem hartnäckigen Streiten die merkwürdigen Schwächen des menschlichen Verstandes, selbst in seinem vollkommensten Zustande und in seinen genauesten und vorsichtigsten Bestimmungen bemerken, so würden sie natürlich mit mehr Bescheidenheit und Vorsicht auftreten, und es würden die Überschätzung ihrer selbst und ihre Vorurteile gegen ihre Gegner sich mindern. Der Ungelehrte sollte sich den Zustand des Gelehrten vergegenwärtigen, welcher trotz allen Gewinns aus Studium und Nachdenken in seinen Ansichten meist vorsichtig bleibt.“

Letztendlich berechtigt mich kein Erfahrungserleben zu einem letztgültigen Urteil. Diese Skepsis verhindert nicht Positionierung; sie meidet lediglich Totalitarismen.

Sowohl innerhalb der Linken wie der Rechten, also im jeweils leidenschaftlicheren Bereich des Politischen, sind mir allzu viel Wahrheits-Apostel unterwegs. Man liest das gerade aus den Blogs heraus: Jeder weiß, was wahr ist. Gerade der Anonymus! In der Weise des Naiven Realismus: Die Welt ist ganz genau so, wie ich sie wahrzunehmen meine. Hier täte mehr Demut gut, finde ich. Hier paßt dieses schöne Wort. Die Demut des Erkennenden aber ist – die Skepsis. Der Konservative sollte ein Skeptiker sein. Sowohl der Linke als auch der reine Marktpragmatiker sind es nicht. Das führt den einen in Illusionismus und Utopismus, den anderen in die nächste Blase.

Innerhalb des Systems ist alles logisch

Fußnoten dazu: Als Thomas von Aquin in „Summa contra Gentiles“ die Wahrheit als eine Angleichung von Verstand und Sache (adaequatio intellectus rei) zu fassen versuchte, wollte er sie für eine Aussage annehmen, die mit den Sachverhalten übereinstimmt. Wobei er allerdings meinte, daß göttliche Weisheit den menschlichen Verstand so geschaffen hätte, daß der den übrigen göttlichen Schöpfungen wohl entspräche, quasi allem anderen kompatibel sei. Wenn also menschliche Vernunft und Welt übereinstimmten, so wäre dies bereits im „Betriebssystem“ der Schöpfung so angelegt. Was Thomas meint, findet sich wieder in der „prästabilierten Harmonie“ Leibniz’ und im deutschen Idealismus, namentlich bei Hegel. Was so segensreich klingt, führt jedoch gerade philosophiegeschichtlich oft ein schwieriges, mitunter fatales Eigenleben …

Fällt das theologisch-religiöse Dogma weg – ein Zustand, vor dem sich nach meinem Empfinden wieder mehr Menschen zu fürchten beginnen –, wird es schwierig mit der Wahrheit. Also lieber im Dogma, im Als-ob der absoluten Wahrheit, verbleiben?

Kant sieht in der Wahrheit die „Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand“. Grundgedanke dieser Adäquations- oder Korrespondenztheorie ist, daß unser Intellekt – unser Verstand, unsere Vernunft – eine Übereinstimmung mit den Sachverhalten anstreben soll. Klingt einfach und schlüssig. Nur: Wer feststellen will, ob diese Übereinstimmung zwischen den Gegenständen und unserer Aussage darüber besteht, muß die Wahrheit eigentlich schon kennen. Oder seine Vorstellung schlüssig viabel konstruiert haben. „Selbstreferentiell“. Im System ist alles logisch; von außen betrachtet wird’s erst fragwürdig.

Je lauter die Verkünder, um so wohler tut der Konjunktiv

Der polnische Logiker Alfred Tarski meint, daß das einer Behauptung angehängte Prädikat „ist wahr“ eben nicht auf die Sache bezogen werden kann, sondern nur auf den Satz, der über eine Sache ausgesagt wird. Der Satz „X ist wahr.“ ist nach Tarski dann wahr, „wenn X“. „Der Satz ‘es regnet’ ist wahr genau dann, wenn es regnet.“ Mit Blick auf komplexere Ereignisse als unmittelbaren Niederschlag gefragt: Wie aber wäre das zu überprüfen?

Die „Korrespondenztheorie“ verzichtet deshalb ganz darauf, die Wahrheit von Aussagen zu bestimmen, sondern meint nur fordern zu können, daß Aussagen nicht mit anderen Aussagen in Widerspruch geraten dürfen, insofern sie sich auf dieselben Inhalte beziehen. Ist dem nicht so, herrscht Inkohärenz. Mit Blick auf den Lügner oben: Auch wer die Wahrheit nicht kennt, vermutet die Lüge, wo sich logische Widersprüche ergeben. Nur ist auch Kohärenz kein Wahrheitsgarant. – Habermas schließlich wollte die Kohärenz noch durch Konsens erweitern. Menschen, die – im „herrschaftsfreien Diskurs“ – über eine Sache verhandeln, mögen ihr nahekommen, wenn sie dazu Übereinstimmung erzielen. Auch sehr zweifelhaft.

Nimmt man den „pragmatischen Wahrheitsbegriff“ hinzu, ist man schon dicht an dem, was Politik dann als „Legitimation“ heranzieht, beispielsweise für die aktuell geplante „Strafexpeditionen“: Die amerikanischen Philosophen William James und Charles Pierce etwa behaupteten, wahr wären Aussagen, die sich als nützlich und brauchbar erwiesen und bewährt hätten. Sehr, sehr amerikanisch. Wie sollte jedoch festgestellt werden, was wem nützen würde? Und ob daran dann tatsächlich noch etwas als „wahr“ zu bezeichnen wäre.

Je lauter die Verkünder und Erweckten, um so wohler tut der Konjunktiv. – Je dicker die Ausrufezeichen, um so mehr bewahre man sich das Fragen.

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