Römische Tyrannei

Am 16. April 1521 zog Martin Luther samt Gefolge in Worms ein, um sich vor Karl V. zu verantworten, dem frischgewählten Kaiser des christlichen Abendlands. Das endete mit den berühmten trotzig-offenen Worten „Ich stehe hier, ich kann nicht anders“, dem der offene Bruch mit Kaiser und Rom sowie die Bibelübersetzung ins Deutsche folgten.

In einiger Zeit wird dies 500 Jahre zurückliegen und vielleicht den Anlaß für die eine oder andere Gedenkveranstaltung bieten – vielleicht aber auch nicht. Die Bundesrepublik tut sich im Jahr 2013 schon schwer, offiziell etwas zum Jahr 1813 zu sagen, das doch aus der Nationalgeschichte kaum wegzudenken ist. Was wird man zu den drohenden Lutherjahren sagen?

„Kunst der Toleranz“

Offiziell ist von der Evangelischen Kirche in Deutschland bereits im Jahr 2008 eine sogenannte „Lutherdekade“ eröffnet worden, die im Jahr 2017 enden soll. Das sind dann 500 Jahre Thesenanschlag, von dem man behauptet, er sei der Höhepunkt der Reformation gewesen. Aus diesem Anlaß wurde sogar der Papst eingeladen. Auf der Internetseite luther2017.de präsentiert man dazu Themen wie:

„Unter dem Motto ‘Die Kunst der Toleranz’ sind im Gladbecker Martin-Luther-Forum zurzeit bunte Bärenskulpturen zu sehen.“

Oder:

„Der Berliner Bischof Markus Dröge hat eine Erklärung seiner Landeskirche zum evangelischen Verständnis von Toleranz angekündigt.“

Und:

„Vortrag und Diskussion: Aygül Özkan zu Toleranz und Respekt. Miteinander leben – voneinander lernen – Veranstaltungsreihe des Evangelischen Bildungswerks Ammerland. Aygül Özkan wurde als erste Muslimin Ministerin in Deutschland. Die Politikerin ruft dazu auf, weniger übereinander und mehr miteinander zu sprechen. Nicht die Herkunft sei entscheidend, sondern die Zukunft. Integration bedeutet für die Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration des Landes Niedersachsen gleichberechtigte Teilhabe an Bildung, am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben. Sie plädiert für eine Anerkennungskultur gegenüber Zuwanderern.“

Auftakt zur ersten deutschen Revolution

In der Rechnung der EKD befindet man sich 2013 im Themenjahr „Reformation und Toleranz“. Dafür gibt Luther an sich wenig her, denn eigentlich war er nun eins ganz gewiß nicht: Tolerant. Der unbedingte Einsatz eines ganzen Lebens und Gewissens und die Bereitschaft, sich unter der Drohung des Feuertods vor den Kaiser zu stellen und ihm die Meinung ins Gesicht zu sagen, signalisierte etwas anderes.

Es war der Auftakt einer religiösen Reform, aber auch der ersten deutschen Revolution und das Ende der Tolerierung dessen, was Luther vor dem Kaiser eine „römische Tyrannei“ nannte. Sie würde neben allen geistlichen Zumutungen auch „das Hab und Gut der Deutschen verschlingen“. Spätestens hier drängen sich nun Andeutungen dessen auf, „was Luther uns heute zu sagen hat“, die in Kirche und Politik wie gewöhnlich keiner tolerieren will.

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