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Reichsfernsehen, mal wieder

Daß der letztwöchige Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein ganz großes Ding werden würde, das war anhand der umfangreichen Vorschußlorbeeren aller großen bundesrepublikanischen Meinungsbildner abzusehen. Der Autor dieser Zeilen hätte, als allenfalls gelegentlicher Fernsehzuschauer, vermutlich erst im nachhinein vom öffentlich-rechtlichen Kriegsjugend-Schinken gehört – wäre es nicht derart auffällig gewesen, daß Spiegel und Stern gleichzeitig, nämlich in ihren jeweiligen Ausgaben 11/2013, den Lesern in mehrseitigen Artikeln für dieses „große[] Fernsehereignis“ (Stern) Ansehbefehl erteilt hätten.

Nachvollziehbar: „Unsere Mütter, unsere Väter“ sind mitnichten die Elterngeneration der anvisierten Zuschauer, sondern die der zuständigen Medienmacher. Dieser gleich zweifache Generationenunterschied soll offensichtlich verwischt werden, und wo in diesem Zusammenhang der Filmtitel allein vielleicht nur dem Verschwörungstheoretiker zum Indiz gereicht, läßt bei einer sorgfältigen Betrachtung die gesamte Inszenierung keinen Zweifel mehr an der – erwartbaren – volkspädagogischen Absicht der hofmannschen teamWorx. Allein, ob der unvoreingenommene Zuschauer dies bemerkt? Wo doch der Stern postuliert hat, daß man dem Film allenfalls den Vorwurf machen könne, zu spät zu kommen? Und im Spiegel-Interview mit Produzent Hofmann lediglich der Verweis auf die „Unfähigkeit zu trauern“ als leise Vorwarnung aufblitzt, wo doch heute niemand mehr das alte Mitscherlich-Pamphlet kennt?

Nico Hofmann kann davon reden, daß es ihm um die Aufarbeitung der Geschichte seines eigenen Vaters und dessen Altersgenossen gegangen sei, soviel er will – die gesamte Inszenierung über das Drehbuch Stefan Kolditz’ zielt auf die heutigen Jugendlichen. Deshalb ist der Film, ungeachtet seines historischen Themas, ganz entlang hollywoodscher Traditionslinien aufgezogen. Wir verfolgen die Schicksale von fünf Freunden aus dem Berlin des dritten Kriegsjahrs; darunter die vom Schicksal noch niederzustreckende Schöne mit zweifelhafter Moral (Greta), das gutgläubige Mauerblümchen mit ungeahnter Zukunft (Charlotte), den reifen, tragisch angehauchten Cliquenchef (Wilhelm), den introvertierten Schöngeist auf dem Weg aus sich selbst heraus (Friedhelm) und letztlich den Gebeutelten, der am Ende noch am besten dasteht (Viktor). So weit, so Klischee.

Natürlich wäre man auch im Widerstand gewesen

Das besonders im ersten Teil penetrante, ständige gegenseitige „Auffressen“ beim Küssen, die scheinbar ganz normalen Dreitagebärte im Berlin des Jahres 1941 sind ebenso amerikanische Kulturexporte wie – die Gefangennahme Viktors durch die Geheime Staatspolizei? In Der neunte Tag (2004) beispielsweise wird dem Delinquenten die polizeiliche Dienstmarke gezeigt und er ruhig gebeten, mitzukommen.

Ähnlich „undramatisch“ klingt es auch in den unzähligen Knopp-Sendungen, wenn berichtet wird, wie Regimegegner von daheim abgeholt worden seien. Für einen „wahrhaftig, ergreifend und mitfühlend“ (Stern) sein wollenden Film reicht das aber nicht, und so wird Viktor dann brutal in eine vorbeifahrende Limousine gestoßen – Mafia- und Agentenfilme lassen schön grüßen. Denn zugeschnitten ist dieser Film auf an Teenie- und Actiondramen geschulte Jugendliche, die man denn auch am Mittwochabend im an den dritten Teil anschließenden heute-journal sehen durfte, wie sie schulklassenweise durch den Film gepeitscht wurden und im Anschluß vor laufender Kamera bekundeten, sie seien „gegen Krieg, weil jeder seine eigene Meinung haben soll“ und seinerzeit selbstverständlich im Widerstand gegen das totalitäre System zu finden gewesen.

Ganz so, wie es Götz Kubitschek in der Sezession Nr. 52 beschrieben hat: „Zu den Weihestunden des Geschichtsunterrichts gehört landauf, landab die große Erzählung über das Geschwisterpaar Scholl. Die Frage des Lehrers steht im Raum: ‘Wäret nicht auch ihr in den Reihen der Weißen Rose mitgezogen?’ Billig ist die Antwort: Ja, wir wären“. Groteskerweise erinnert das gerade an die israelischen Methoden der Vergangenheitsdarstellung, um Schüler auf Linie zu bringen, wie man sie im Dokumentarfilm Defamation sehen kann. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich (und dennoch bestürzend), wenn nach dem zweiten Teil ein Claus Kleber im heute-journal im Brustton der Überzeugung behauptet, in den Kriegsjahren hätten „die Deutschen fast ihre Daseinsberechtigung“ verloren.

Nichts mit revolutionär neuartigem Zugriff auf das Sujet

Hier soll die jugendbezogene Inszenierung des telegenen Geschichtsunterrichts vor allem klarstellen, daß man als halbwegs kluger und eigenständiger Mensch letzten Endes zwangsläufig im Widerstand enden mußte. Die Vermittlung dieses Bildes zementiert nicht nur den Bruch mit der (älteren) Vätergeneration, der in den 60er Jahren vollzogen wurde. Außerdem transportiert sie im Umkehrschluß, daß alle Nicht-Dissidenten zwangsläufig Monster gewesen seien. Das hat auch Ulrich Herbert erkannt und skurrilerweise ausgerechnet in der taz veröffentlicht:

„Aber solange man nicht einmal einen weder sadistischen noch naiven oder verrückten Menschen vorführt, der völkisch denkt, den Krieg für richtig hält, im Krieg gegen die Sowjetunion keine Kompromisse akzeptiert, der die Juden weghaben will und auch die Euthanasie als im Grunde richtig erachtet, der also die ‘völkischen Lebensgesetze’ als die harte, aber unausweichliche, im Kern schöne Grundlage des Lebens ansieht – so lange werden wir nicht verstehen, was da geschehen ist.“

Wer bei diesem Film aufblüht, daß sind die Parteigänger der Anti-Wehrmachtsausstellung, von denen z. B. die Hamburger Morgenpost mit Peter Klein auch gleich einen hervorgezaubert hat, damit er den im Film gezeigten Mordtaten seinen Historikersegen geben konnte. Nun zu behaupten, daß „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine Art Türöffner für „die erste und letzte Chance, den Teufel im Detail zu suchen, nach den wirklichen Biographien der Großeltern zu fragen […], nach ihren falschen Kompromissen, unguten kleinen Bequemlichkeiten, ihren Lebenslügen und verpaßten Handlungschancen“ (Süddeutsche Zeitung) – das ignoriert, daß auch im Dritten Reich die Menschen ein irgendwie geartetes Alltagsleben hatten. Das stellt die Kriegszeit so dar, als hätte jeder selbstredend wütenden Widerstand geleistet, wenn er nicht so faul gewesen wäre; eine Pose, in der sich ein Gutteil der Nachkriegsgeneration gefällt und in der diese auch ihre Kinder sehen möchte. Die Überheblichkeit des Blickes aus heutigen Augen auf früheres Geschehen schüttelt man so nicht ab, und vom so hochgejubelten, revolutionär „neuartigen“ Zugriff des Films auf sein Sujet bleibt nichts übrig.

Vergangenheitsbewirtschaftung im besetzten Gelände

Vielerorts wurde darüber gejubelt, daß Guido Knopp dieses Jahr in den Ruhestand geht. Daß die „Bildungsarbeit“ seines Stils kein Ende nimmt, steht jedoch fest – der nächste teamWorx-Film, diesmal über Leni Riefenstahl, ist bereits in der Mache. Im Spiegel-Gespräch hat Hofmann außerdem – festhalten! – „eine achtteilige Serie über Adolf Hitler“ als anstehendes Projekt bestätigt. Auch, wenn die schräg angeleuchteten, alten Menschen vor dunklem Hintergrund aus „Hitlers irgendwas“-Zeiten nun bald der Vergangenheit angehören: mit dem Erfolgsformat „Histotainment“ sind noch Unmengen an Geld zu machen. Martin Lichtmesz’ Besetztes Gelände ist nun schon drei Jahre alt, aber die darin beschriebenen filmischen Mechanismen scheinen zeitloser denn je. Willkommen bei Iris Hanikas „Vergangenheitsbewirtschaftung“!

„Mit Formulierungen wie ‘Selten zuvor beispielsweise hat man so sehr verstanden…’ oder ‘Und eigentlich noch nie hat man so klar sehen können’ adelt Schirrmacher das Klippschulfernsehen auf eine Weise, die man eigentlich nur mit Umnachtung irgendwie entschuldigen bzw. nur mit seiner bekannten Quartals-National-Schuld- und Schande-Besoffenheit erklären kann, deren logische Folge der nächste Courage-Bambi für wen der Beteiligten auch immer sein dürfte.“

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