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Reaktionäres Reisen

Die Eisenbahn ist wunderbar reaktionär, schrieb mir ein Freund vor einigen Wochen. Ich möchte ihm spontan zustimmen – wir brauchen nur zu ignorieren, denke ich mir jetzt, daß der Nachtzug auf der außerordentlich eleganten Strecke von Prag nach Zürich „Citynightline“ heißt. Oder daß Beamten der Bundespolizei Schweizer Schülerinnen mit Verwarngeldern belegen, weil diese auf dem Bahnsteig geraucht haben.

Es war wirklich so, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Vergangenen Sonntag, ich hatte mich in Schale geworfen und sah wirklich sehr schick aus, saß ich am Gleis 17 des Dresdner Hauptbahnhofs und wartete auf eben jenen Nachtzug, der im Deutsch der Deutschen Bahn als „Citynightline“ bezeichnet wird. In meiner lässigen Ledertasche, die der eines Lehrers gleicht, transportierte ich zwei kurz zuvor erworbene Weißweinflaschen, 0,25l, Grauer Burgunder, Schraubverschluß, weil ich sichergehen wollte, daß ich bis kurz vor der Ankunft am Folgetag durchschlafe. Trotzdem ich mir bewußt war, daß Trinken am Bahnsteig wenig fein ist, nippte ich jetzt schon heimlich an der ersten. Einfach nur aus Langeweile, weil ich gut 30 Minuten zu früh am Gleis war.

Rechts neben mir lärmte eine Gruppe von Schweizer Oberstufenschülern, sie schienen auf Klassenfahrt gewesen zu sein, und diese neigte sich dem Ende zu. Unter ihnen waren zwei junge Damen – man darf sie getrost so nennen, weil sie schick gekleidet und kokett sich verhaltend waren. Sie saßen neben mir auf der Bank und begannen zu rauchen. Der Qualm zog als Geruch von internationalem Flair über den Bahnsteig, ich nahm eine Prise und nippte heimlich am Weißwein.

Ich geriet in Wut

Dann kamen besagte Beamten der Bundespolizei, drei an der Zahl, und forderten sie auf, ihre Zigaretten an einem Bahnhofsmülleimer (mit vier Abteilungen, jeweils eine für Restmüll, Plastik, Glas, Papier) auszudrücken. Während einer von ihnen einen Verwarngeldblock aus der Tasche holte und Notizen machte, fragte ein anderer die Schweizerinnen nach ihrem Ausweis und eröffnete ihnen die Ahndung ihres Fehlverhaltens mit einer Strafe in Höhe von zehn Euro, schließlich sei das Rauchverbot ausreichend durch Verbotsschilder kenntlich gemacht.

Es ist bekannt, wie sehr ich diese totalitären Gängeleien ablehne, noch dazu war es mir als Deutscher vor den AusländerInnen peinlich. Ich geriet also in Wut, stand auf, leerte meine Flasche mit einem Zug, zerschlug sie an der Kante der Bank und schrie die Beamten, mit dem abgebrochenen Flaschenhals fuchtelnd, an. Sie traten einige Schritte zurück, ebenso wie die erschrockenen Schweizerinnen, einer legte die Hand an seine Waffe und redete drohend auf mich ein, die anderen beiden richteten ihre Pfeffersprays auf mich. Dann ließ ich den zerbrochenen Flaschenhals theatralisch fallen, er zersprang auf dem Boden in tausend Stücke, ich breitete meine Arme im Sinne der Geste „Kommt doch!“ aus. „Was denn?! Was denn?!“, rief ich mit nach vorn gerecktem Kinn, und noch bevor sie mich angreifen konnten, erwachte ich aus meiner Gewaltphantasie. Brav auf der Bank sitzend. Neugierig schauend.

Ich sinniere über einen Kaffe zum Bleiben

„Sind die immer so?“, fragte mich plötzlich eine der Schweizerinnen, während ein Polizist sich ihre Personalien notierte. „Das weiß ich nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß, ich hatte die Beamten ja noch nie gesehen. Ich wollte noch einen Satz wie „Die tun ja auch nur ihre Pflicht“ sagen, oder „Sie haben die Regeln ja nicht gemacht“, weil ich ja grundsätzlich auf der Seite der Schutzleute bin. Aber sie hatten in dieser Situation nun wirklich keine Verteidigung nötig. Sie haben sich korrekt verhalten, den Regelverstoß angemessen und höflich geahndet. Trotzdem würde ich mir wünschen, daß manche Ordnungshüter manchmal auf die Durchsetzung mancher Gesetze verzichteten.

Kurz danach bin ich friedlich in den Nachtzug gestiegen und habe bis Mannheim durchgeschlafen. Von da an war es ja nicht mehr weit bis nach Heidelberg, wo ich knapp fünfzehn Minuten später gedankenverloren meinen Rollkoffer durch die Bahnhofshalle zog. Der einzige schon geöffnete Gastronomiebetrieb war die Verkaufsstelle einer Bäckerei-Kette, dort bestellte ich einen Kaffee zum Bleiben (in einer Porzellantasse), setzte mich an einen der zu kleinen Tische und sinnierte abermals über das Reaktionäre der Zugreise und den Totalitarismus der Rauchverbote. Ersteres ist kein wirksames Mittel gegen Letzteres, aber für brave Menschen fällt mir auch sonst nichts ein. Außer Rauchen vielleicht. Oder Steuerhinterziehung. Der Verzicht auf Mülltrennung. Irgendwas Passiv-Aggressives halt.

Venceremos!

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