„Jung“ und „Dame“

Neulich bei Starbucks schlürfte ich meinen Latte Macchiato mit Karamel-Sirup und extra Espresso-Shot und wartete auf ein paar Unbekannte zu einem Networking-Treffen. Da fiel mir diese junge Dame auf, die dort vor ihrem Laptop saß: dunkler Hauttyp, die ungewaschenen, lockigen und dunklen Haare gedankenlos zu einem fieseligen Dutt zusammengeschustert. Enge Jeans, abgelaufene, mal teuer gewesene Wildlederstiefel, ein grauer, feiner Wollpullover sah gut an ihr aus. Neben sich hatte sie den beigen Burberrymantel gedankenlos über einen Stuhl geworfen. Kein Ring am Finger.

„Jung“ und „Dame“ sind dabei bewußt gewählte Begriffe. Denn alt war sie nicht, etwas über dreißig vielleicht, und sie hatte etwas sehr Elegantes: So wie sie an ihrem Stift kaute, das Buch studierte und sich ein paar Notizen machte, wenn sie auf eine Idee gekommen zu sein schien. Vor ihr surrte der Laptop, hin und wieder warf sie einen Blick auf ihr Smartphone.

Das Buch, es war ein kompliziertes Thema, irgendwas mit Statistik, war schon abgelesen und stammte aus einer Bibliothek. In ihrer großen Handtasche schienen noch weitere Bücher zu sein, jedenfalls war die Tasche ausgebeult. Daneben stand ein Jutebeutel mit mehreren Heftern, so wie Seminararbeiten, ich nehme an, daß sie Dozentin an irgendeiner Universität ist.

Das ist so attraktiv!

Um sie herum saßen noch andere Gäste, die an unfaßbaren Kaffee-Variationen schlürften, auf ihre Laptops starrten und/oder sich – mit internationalen Gästen parlierend – um akzentfreie amerikanisch-englische Aussprache bemühten. Aber nur sie war wirklich vertieft, ihre Mimik hatte oft den Ausdruck des Verstehens oder des Aha-Effektes. Dieses Thema schien ihr Freude zu bereiten, seltsam genug bei Statistik, aber – wie die Kölner mit Recht sagen – jeder Jeck ist anders.

Eine begeisterungsfähige, höchstwahrscheinlich belesene, intelligente und ehrgeizige Frau, so wie man sie an Unis in den Reihen der Wissenschaftlichen Mitarbeiter häufiger findet. Nicht nur dort, aber dort eben am häufigsten. Das ist so attraktiv!

Das Problem ist allerdings, daß sie der anderen großen Körperschaft angehört, also der Körperschaft Frau. Während ich natürlich der Körperschaft Mann angehöre. Das macht uns automatisch zu Konkurrenten im Sinne des Kollektivs. Während ich nicht nur für mich, sondern auch für das Kollektiv Mann um Posten ringe, muß ich ihr dieselbe Durchtriebenheit unterstellen, zu der ich – unfreiwillig! – gezwungen bin. Und daß sie dabei so unglaublich charmant an ihrer Kaffee-Variation nippt, ist natürlich nicht wirklich charmant, sondern ein abzulehnendes Mittel zum Zweck der Verdrängung meiner Gemeinschaft.

Geradezu perfide ist der fehlende Ring am Finger …

Ich darf nicht den Fehler begehen, sie als Diskurspartner zu betrachten, geschweige denn mich von ihrer akademischen Begeisterung einwickeln zu lassen. Beim Ringen um die nächste Stelle, vielleicht will ich ja auch mal an die Uni, ist sie eben Teil der anderen, der Frauen. Zwar darf ich den Diskurs auch nicht ablehnen, man muß sich an die Gepflogenheiten halten, wenn man im Kampf der Geschlechter nicht ins Hintertreffen geraten möchte. Aber ich darf eben nie vergessen, daß sie eine Frau ist.

Attraktivität und Charme sind gefährliche Instrumente, aber noch gefährlicher, ja geradezu perfide, ist der fehlende Ring am Finger. Was das alles an theoretischen Möglichkeiten vortäuscht, muß ich gar nicht erst erläutern, fies ist das, ganz fies! Wenn es geht, dann werde ich in den nächsten Jahren versuchen, sie durch eine Quote auszuschalten, diese durchtriebene… Akademikerin!

Dann trudelten auch schon meine Networking-Partner ein. Es war eine Frau darunter, allerdings nur in Begleitung, als Partnerin. Wie schön.

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