Das deutsche Jahrhundert (III)

Hätte der Erste Weltkrieg ein deutsches Jahrhundert begründen können? Diese Ansicht hatte prominente Befürworter und zu den prominentesten gehörte niemand anderes als der amerikanische Präsident. Der Krieg war noch kaum ausgebrochen, da vertraute Woodrow Wilson seinem Beraterkreis an, was seiner Meinung nach auf dem Spiel stand: Ein deutscher Sieg würde den Lauf der Zivilisation ändern.

So ganz überraschend kam das für Wilsons Umgebung nicht. In den Washingtoner Führungszirkeln wurde das Deutsche Reich schon seit langem als der eigentliche Unruheherd der Weltpolitik und eine dunkle Bedrohung des eigenen Anspruchs als einzige Weltmacht empfunden. Das britische Weltreich würde sich letztlich Stück für Stück verdrängen und übernehmen lassen, dieser Prozeß war längst im Gang. Von Deutschland glaubte man das nicht. Der finsteren Thematik entsprechend hatte man diesem Land deshalb in den Militärakten schon kurz nach der Jahrhundertwende den Code-Namen „Black“ gegeben.

Hetze gegen Deutsch-Amerikaner

Nach Beginn des europäischen Krieges wurden die Planungen für den „Black Plan“, den Krieg gegen Deutschland intensiviert. Das wußte damals in Deutschland wohl noch niemand. Aber bald wurde sichtbar, wohin die Reise ging. In den USA setzte eine umfangreiche innenpolitische Hetze gegen jene ein, die der Präsident persönlich die Bindestrich-Amerikaner nannte, die Deutsch-Amerikaner. Die Reichsregierung ließ sich ihre gegenteilige Öffentlichkeitsarbeit einiges kosten, hatte aber wenig Erfolg.

Da es Washington lieber gewesen wäre, die europäischen Westmächte würden die Arbeit erledigen, gab es zunächst ausgiebige Kriegskredite und Materiallieferungen dorthin. Man ließ zu, daß Waffentransporte unter dem „menschlichen Schutzschild“ auf Passagierschiffen stattfanden, leugnete das aber öffentlich ab. Die zunehmend hektischen Versuche der deutschen Marine, solche Transporte mit einem U-Boot-Krieg zu verhindern und die Versenkung eben solcher Schiffe beutete man propagandistisch zur weiteren Dämonisierung der Deutschen aus.

USA wollten die Welt nach ihren Maßstäben führen

Am Ende half alles nichts. Nach einem zynischerweise unter dem Slogan „He kept us out of the War“ geführten Wahlkampf mußte Wilson die USA persönlich in den Krieg führen. Ob eine – absehbarerweise extrem verlustreiche – Schlacht amerikanischer Truppen mit einer gegebenenfalls nach Verzicht auf die Offensive 1918 gestärkten deutschen Armee in Washington einen Sinneswandel herbeigeführt hätte, wird immer Spekulation bleiben.

Grundsätzlich erhoben die USA den Anspruch, den Sinn des Geschichtsprozesses zu verkörpern und die Welt nach ihren Maßstäben zu führen. Kein Ausgang irgend eines der kalten und heißen Kriege des 20. Jahrhunderts gegen die wechselnden Widersacher hat daran etwas geändert. Ein deutsches Jahrhundert hätte wirklich den Lauf dieser Zivilisation ändern müssen.

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