Joachim Kuhs

 

Zuhause

Neulich schrieb ich über meine Heimat, Finnland. Nun möchte ich ein paar Zeilen über mein Zuhause, Deutschland, schreiben.

Ich war sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal Fuß auf Deutschen Boden gesetzt habe. Es war ein sonniger Morgen im Juli 1986: Wir hatten gerade die Ostsee von Helsinki überquert und verließen mit unserem Opel-Kadett die Fähre in Travemünde. Nun lagen etwa tausend Kilometer Autobahn und Landstraße vor uns, bis wir unser neues Zuhause für die nächsten paar Jahre in Südbaden kennen lernen würden.

Ich war zwar sehr jung, aber ich kann mich genau an diese Reise quer durch Deutschland erinnern: An die unendlichen Kornfelder und die hohen Maisfelder, den starken Geruch des reichen, fruchtbaren Bodens am frühen Morgen, die gut gepflegten Häuser mit Blumen im Fenster, die kleinen Dörfer, in denen wir übernachtet haben, an die besondere Gastfreundschaft (die meine Eltern bis heute als etwas typisch deutsch bezeichnen), die uralten Burgen, die Weinreben, die Berge, die Flüsse und die Wälder. Wälder, die zwar nicht dieselbe menschenleere Stille boten, wie die in meiner Heimat Finnland, in denen man aber das Rauschen der Geschichte dieses Landes beinahe hören konnte, wenn man nur selber still genug war.

Wir wollten Teil des Dorfes werden

Und genau so, wie sich diese Landschaft bei mir eingeprägt hat, kann ich mich an den ersten Deutschen erinnern, mit dem ich geredet habe: Er war ein Freund meiner Eltern und hieß Dieter. Er hatte einen grauen Oberlippenbart, den damals in meinen Augen nur deutsche Männer trugen, er roch nach Pfeife und Rotwein, er kochte hervorragend und lud uns mal zu Wildschwein mal zu Hirsch ein. Er diskutierte liebend gerne mit meinem Vater über Geschichte und Politik, ihm waren Benimmregeln und Etikette sehr wichtig, weshalb er meinen Eltern genauestens beibrachte, wie wir uns in Deutschland verhalten sollten, um anzukommen. Er hatte einen strengen Blick, aber auch Sinn für Humor.

Meine Eltern hielten sich an Dieters Regeln und wurden im Dorf dadurch schnell akzeptiert. Doch einen Fauxpas leisteten sie sich dennoch: Eines Tages wurde meine Mutter in der Kassenschlange von einer Gruppe älterer Damen angesprochen. Sie hätten sich schon länger gewundert, warum mein Bruder und ich auf der Straße nicht grüßten.

Meine Mutter sparte sich die Erklärung, daß wir Kinder nach zwei Monaten Aufenthalt noch kein Wort Deutsch sprachen. Sie erklärte auch nicht, daß sie uns gerade vor sechs Monaten im Londoner Eastend eingepaukt hatte, niemals mit Fremden zu sprechen. Das war schließlich hier, unter diesen Umständen, eben keine Entschuldigung. Denn es waren ja wir, die hier wohnten und in diesem Dorf akzeptiert werden wollten. So waren Guten Tag die ersten deutschen Wörter, die ich lernte und die ich danach fleißig anwendete.

Kostbares Geschenk

Für manche mag das langweilig oder spießig wirken, aber für mich war es ein kostbares Geschenk, in diesem idyllischen Dorf im Schwarzwald groß werden zu dürfen. In einem Ort, in dem die Grenzen unseres jungen Lebens nicht die Hecken des eigenen Gartens, sondern die umliegenden Hügeln waren und in dem man erst dann zuhause sein mußte, wenn es dunkel wurde. Eine solche Geborgenheit und gleichzeitig so frei zu sein, werden meine Kinder heute leider wohl nicht mehr erleben.

Aber auch in dem südbadischen Dorf, meinem einstigen Zuhause, gibt es diese Idylle nicht mehr. Als ich es im Jahr 1998 wieder besuchte, hatte sich bereits alles verändert: Optisch war zwar vieles beim Alten geblieben, nur ein paar Häuser waren neu gebaut worden. Doch innerlich hatte sich die Gemeinde völlig verwandelt. Und auch das neu dazugekommene Asylbewerberheim trug dazu bei.

Als ich am Silvesterabend 1998 dort mit Freunden unterwegs war und am  Asylbewerberheim vorbeilief, wurde unsere Gruppe plötzlich von drei Albanern angegriffen und eine Freundin und zwei Freunde verprügelt. Ohne ersichtlichen Grund, in Mitten dieser Schwarzwald-Idylle.

Es war wie jähes Erwachen. Nicht, weil Freunde verprügelt wurden, weil eine Nase blutete oder wegen der kaputten Brille. Damit kamen wir schon klar. Nein, unser altes, sicheres Zuhause hatte sich in nur wenigen Jahren so verändert und wir wußten, daß von nun an dieser letzte Ort, in dem die Welt noch in Ordnung schien, nicht mehr existierte.

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