Joachim Kuhs

 

Über Intelligenz und Gruppenintelligenz – Erster Teil

Nicht nur der Mensch besitzt Intelligenz. Auch Tiere können bekanntlich Verhaltensweisen aufzeigen, die man für gewöhnlich intelligent nennt. Beispielsweise kann ein Hund durchaus komplexe Handlungsabläufe erlernen und durchführen. Das Wild aufstöbern und stellen, die Viehherde beisammen halten, oder einem die Zeitung an den Sessel bringen – alles das und noch wesentlich mehr kann der Hund leisten.

Natürlich ist der Hund auch ein sehr hochentwickeltes Tier. Seit vielen Jahrtausenden züchtet ihn der Mensch vor allem auf dessen Intelligenz hin, damit er Befehle versteht und umsetzt. Andere Tiere können das überhaupt nicht. Die Ameise beispielsweise. Man mag sich noch so sehr bemühen, aber dem kleinen Tierchen ist nicht beizubringen, wie man apportiert, an der Leine geht und dergleichen mehr.

Selbstverständlich besteht ein großer Abstand zwischen menschlicher und tierischer Intelligenz. Der Mensch allein nur entwickelte sich durch Kultur empor, wurde seßhaft, betrieb Ackerbau und Viehzucht, gründete Staaten, weitete sie zu Imperien aus, verlor sie wieder und begann von Neuem. Lediglich im Hintergrund, an seiner Seite, der Hund, als der Schöpfung unvergleichlich Krone Diener. Nun ja.

Gruppen- oder Einzelwesen?

Blicken wir doch noch einmal auf die Leistung der kleinen Ameise. Eigentlich ist sie gar nicht so klein. Wenn Aristoteles sagt, der Mensch sei ein von Natur aus geselliges Lebewesen, so gilt das erst recht für die Ameise. Als Einzelheit dürfen wir sie nicht betrachten. Denn eine einzelne, isolierte Ameise kann uns kaum etwas über ihr Wesen sagen. Das kann die Ameise erst als Gruppe.

Das Wesen der Ameise liegt in der Gruppe, nicht in der Einzelheit. Sie darf daher auch nur als Gruppen-, nicht als Einzelwesen, erfaßt werden. Das ist mit aller Deutlichkeit festzuhalten: Die Ameise als solche, das ist immer die Gemeinschaft der Ameise, niemals die Ameise als Einzelheit. Eine Gemeinschaft, die leicht Millionen von Mitgliedern umfassen kann. Dadurch aber ändern sich die Verhältnisse grundlegend.

Grundlage für Intelligenz ist die Gruppe

Die einzelne Ameise hat kein richtiges Gehirn, sondern lediglich eine Verdickung von Nervenfasern. Intelligentem Verhalten kann so nur eine geringe Grundlage gegeben werden. Anders sieht es dagegen in der Zusammenballung aus. Naturforscher weisen gerne darauf hin, daß der gewöhnliche Ameisenhaufen, wie er uns bei einem Waldspaziergang begegnet, in etwa so viele Nervenzellen wie unser Gehirn besitzt.

Und tatsächlich, als Gruppenwesen betrachtet, ist die Ameise zu Leistungen fähig, die sich in einem gewissen Sinne mit unseren eigenen kulturellen Leistungen vergleichen lassen. Auch die Ameise ist seßhaft geworden, betreibt in einem gewissen Sinne Ackerbau und Viehzucht, und hat in einem gewissen Sinne Staaten gegründet, sie zu Imperien ausgeweitet, sie verloren und wieder von Neuem begonnen.

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