Puritaner im Polizeirock

Ein Polizist hat nichts zu lachen. Ruft ein maximalpigmentierter Mitbürger, vom allgegenwärtigen latenten Rassismus der deutschen Kartoffeln in die Enge getrieben, ihm in seiner nach Integration dürstenden Verzweiflung „Wichser“, „Scheiß-Deutscher“ oder „Nazi-Sau“ hinterher, ist der Ordnungshüter gehalten, tunlichst und deeskalierend einfach wegzuhören. Tut er’s nicht, stellen ihn womöglich wachsame Antirassisten an den Pranger, und der Dienstherr zieht ihm prophylaktisch auch eins über, damit er selbst nichts abkriegt. Packt unseren Polizeibeamten darob kulturunsensibler Frust, den er mit einem Blick auf die Karikaturen des Kalenders über seinem Schreibtisch grimmig wegzulachen versucht, passiert dasselbe.

Der Münchner Polizeipräsident Dr. Wilhelm Schmidbauer hat mit seiner Anordnung, den aktuellen Kalender der Deutschen Polizeigewerkschaft gleich aus sämtlichen Diensträumen entfernen zu lassen, mal wieder den überzeugenden Beweis angetreten, daß Steindummheit, Servilität und hundertprozentige Humorfreiheit schon in ordentlichen Portionen zusammenkommen müssen, um einen waschechten politisch korrekten Zeitgeistdiener zu backen. Seine Untergebenen, die jetzt über „Zensur“ lamentieren und auf ihr Recht auf „Galgenhumor“ pochen, haben freilich Wesentliches noch nicht begriffen.

Hebung der öffentlichen Moral

Der Polizeipräsident mußte doch handeln, es war Gefahr im Verzug – nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn am 1. März in allen Dienststuben das Kalenderblatt für selbigen Monat aufgeschlagen worden wäre und unbehütete Augen etwa die gar erschröckliche Zeichnung eines verhafteten, äh, Schwarzen zu sehen bekommen hätten, der auch noch „Ve’dunklungsgefah’“ sagt. Ein Schwa’ze’! Mit Akzent! Und auch noch verhaftet! Wo doch jeder weiß, daß Hinweise auf die Hautfarbe und Nationalität von Tatverdächtigen nur statthaft sind, wenn es sich um Einheimische oder wenigstens um Weiße handelt! Ja, liest denn die zeichnende Polizeihauptmeisterin keine Behördenrundschreiben?

Und überhaupt: Was heißt hier schon Zensur? Wenn es der Hebung der öffentlichen Moral dient, sagt man „sprachliche Verbesserung“. So argumentierte schon Thomas Bowdler, Esq., jener englische Arzt und Gelehrte, der vor gut zweihundert Jahren dem wohlerzogenen Publikum den „Family Shakspeare“ bescherte, eine „gereinigte“ Fassung der Stücke des Dichterfürsten, in der „alle Wörter und Ausdrücke weggelassen sind, die man angemessen im Kreise der Familie nicht laut aussprechen kann“. Dem Andenken an Bowdlers Wirken verdankt das Englische das schöne Verb „to bowdlerise“ für ebendiesen Vorgang der sprachlichen Säuberung.

Vom Negerkönig zum Südseekönig

Dem gereiften Thomas Bowdler war nämlich aufgefallen, daß sein Vater, während er ihm und seinen Geschwistern einst aus dem Shakespeare vorgelesen hatte, manche schlimmen Wörter einfach weggelassen hatte. Die Mühe wollte er den Familienoberhäuptern seiner Zeit ersparen, sie sollten ihrem Nachwuchs sogar unbesorgt Literatur zum Selbstlesen in die Hand drücken können, ohne fürchten zu müssen, die Kleinen würden davon verdorben. Weg also mit den Flüchen, den Kraftausdrücken und sexuellen Anspielungen, und Ophelias Selbstmord sieht mit Rücksicht auf christliches Sündenempfinden besser wie ein Unfall aus – was der gute und ehrenwerte Herr Bowdler streichen zu müssen glaubte, kann uns aufgeklärte Heutige freilich kaum erschüttern.

Hier und jetzt lauern dafür ganz andere Gefahren in scheinbar harmlosen Büchern. Das N-Wort zum Beispiel. Pippi Langstrumpfs Papa ist „Negerkönig“, sie selbst wäre gerne „Negerprinzessin“ – bedenklich, bedenklich. Tugendhafte Mütter ändern das, wie einst Vater Bowdler, „beim Vorlesen, schon vorweg“, puritanische Sittenwächter wie der aus dem Kongo stammende und somit einschlägig qualifizierte „Journalist und Dolmetscher Kaisa Ilunga“, gewähltes Mitglied des Integrationsrats der Stadt Bonn, würden Astrid Lindgrens jugendgefährdende Schriften am liebsten ganz aus den öffentlichen Bibliotheken verbannen – elegante Abhilfe versprechen die namenlosen Bowdlers in den Lektoratsabteilungen der Verlagshäuser, die bei Neuauflagen aus dem „Negerkönig“ flugs einen „Südseekönig“ machen.

Worüber darf man noch lachen?

Doch weder Thomas Bowdler selig noch seine heutigen Nacheiferer können sich um das ganze weite und gefährliche Feld der Literatur kümmern. Viel zu viel bleibt einfach ungesäubert. Als Jugendlicher habe ich, nur ein Beispiel, alle „Asterix“-Bände verschlungen und mich arglos über Baba, den numidischen Pech-Piraten, amüsiert. Vielleicht bin ich ja dadurch auf die schiefe Bahn geraten? Baba – „Ich habe einen Kü’bis an die ‚übe gek’iegt!“ – ist zwar nicht so athletisch wie der Verhaftete auf der Polizeikalender-Karikatur, aber Akzent und Physiognomie könnten durchaus als Vorlage gedient haben.

Nach den Maßstäben des Münchner Polizeipräsidenten bedient Baba folglich „rassistische Stereotype“. Und in öffentlichen Bibliotheken sind diese teuflischen „Asterix“-Bände immer noch frei zugänglich. Mein Sohn holt sie sich stapelweise nach Hause. Was tun? Konfiszieren? Eine antirassistische „Asterix raus!“-Initiative gründen? Warten, bis Dr. Wilhelm Schmidbauer auch hier ein „unmißverständliches Zeichen“ setzt? Selber vorlesen und dabei aus dem numidischen Piraten, der kein „R“ aussprechen kann, einen sächselnden Skinhead machen? Oder lieber auf eine bowdlerisierte Neuauflage warten? Und dürfen wir überhaupt noch lachen in diesen finsteren Zeiten, da in jedem Wohnmobil ein Neonazi-Terrorist sitzen könnte?

Politisch korrekt zu werden ist mir, fürchte ich, am Ende doch zu fad.

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