Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Mehr Spannung!

Wir sind recht umgänglich geworden mit dem scharfen und schneidigem Wort Widerstand. Ich auch. Die Partei, die diesen Reizbegriff als „Widerstand gegen das System“ am lautesten gebraucht, soll gerade als verfassungsfeindlich verboten werden, eben weil sie offenbar – auf ihre eigene Weise! – einen Widerstand im Wortsinn meint und zu mobilisieren versucht. Dagegen ruft die sogenannte Zivilgesellschaft zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf – ebenfalls ein schweres Geschütz von einem einst großen Mann aufgefahren, der sich in der Attitüde des Markigen und Kämpferischen gefiel, bevor er, darin ganz Social-Demokrat, sich gänzlich aufs Geldverdienen verlegte.

Auf ganz andere Weise, moderat und nachdenklich, führen der Sezessions-Autor Thomas Schmidt und der von ihm aufgerufene couragierte Professor Schachtschneider den starken Begriff des Widerstands in den Diskurs ein.

Immerfort und sogleich Stauffenberg aufzurufen erscheint mir als Geste allerdings überzogen. Wenn innerhalb einer de jure und rein institutionell funktionierenden Demokratie gleich der Exponent des 20. Juli als Autoritätsbeweis herhalten muß, reduziert dies unfreiwillig den grandiosen Mut einer verzweifelt entschlossenen nationalen Bewegung in ebensolcher Weise wie durch diesen überzogenen Vergleich die Courage der sich heute als widerständig Verstehenden allzu sehr heroisiert wird. Stünde dem nicht die Pietät entgegen, so würde ein solcher Vergleich – wiederum unfreiwillig – komisch wirken. Nicht nur zu groß die Spuren, in die da getreten werden soll, sondern auch zwischen ganz anderen historischen Orten verlaufend.

Widerstand im Krähwinkel

Selbst die DDR-Bürgerbewegung, entgegen aller politischen Legendenbildung damals ein sehr kleines Häuflein Aufrechter, nahm den hehren Begriff des Widerstands weniger für sich in Anspruch als jenen der Opposition. Aber diese Bürgerbewegung riskierte immerhin eine Menge! Das könnte die 68er-Bewegung, die Revolte der satten Bürgersöhnchen, in dieser Weise nicht von sich behaupten; und in der Rückschau wirkt ihr Klassenkampftheater mit all den schlecht zusammengeklaubten Marx-Versatzstücken tatsächlich lächerlich. Abgesehen von radikalisierten Fortläufern, blieben von 68 nur eine sich alternativ verstehende Alltagskultur und der mit der Arroganz von Halbgebildeten vorangetriebene Kulturverlust im Bildungsbereich. Daß die Kinder dieser Revoluzzer das gesellschaftliche Augenmerk auf die Umweltzerstörung zu richten begannen, darf ihnen vergleichsweise durchaus hoch angerechnet werden.

Ansonsten ist Widerstand nur dort Widerstand, wo seinerseits der Staat widersteht: das Beispiel Ägypten. Wo jedoch den meisten Bürgern gegenüber einem Ancien Régime postdemokratischen Lobbyismus’ schon der Mut zur offenen und statthaften Auseinandersetzung, also die Kraft zum Neinsagen im engeren Konfrontationsbereich fehlt, wo Lehrer noch jeden kultusministeriellen Unfug um des dreizehnten Monatsgehaltes willen mittragen, wo die Journaille Sprachregelungen der Verlautbarungsrhetorik folgt, wo sich selbst randständige Blog-Kritik aus Karriere- oder sonstwelchen Ängsten hinter Tarnnamen verbirgt, steht man nicht im Widerstand, sondern lebt weiterhin im schon von Heine verspotteten Krähwinkel.

Die bundesdeutsche Demokratie muß keinen Widerstand fürchten, vielmehr verdämmert sie am Desinteresse ihrer Bürger und leidet wie ein Dialyse-Patient am Mangel der ihr überlebenswichtigen Elixiere: Engagement, Urteilskraft, produktiver Meinungsstreit, wirkliche Freiheit des Wortes, lebendige Debatten. Kampagnen „politischer Bildung“ und eine zuweilen peinliche Bekenntniskultur bloßer Worthülsen können echte Lebendigkeit nicht mehr allzu lange ersetzen.

„Größere Amplituden“ weder von links und schon gar nicht aus der Mitte

Braucht es denn Widerstand? – Keinesfalls als Revolution, als Barrikade, als Kampf gegen eine freiheitliche demokratische Grundordnung, die ihre Verdienste hat, aber mittlerweile von ihren eigenen Festtagsreden wie sediert wirkt. Es geht nicht um Widerstand gegen das „System“, sondern vielmehr darum, es im Sinne seines ursprünglich großen Grundgedankens überhaupt wieder zum Arbeiten zu bringen und seinen intellektuellen Stoffwechsel neu zu beleben! Endlich wieder größere Amplituden!

Ohne Häme: Man braucht nicht erwarten, daß diese Erfrischung innerhalb der gegenwärtigen Stagnationsepoche von links möglich sein würde; man kann sogar fairerweise bedauern, daß von links keine Impulse zu erwarten sind, mit Ausnahme einiger Analysen, die die Linke tatsächlich Marx verdankt, den die Konservativen, nebenher bemerkt, endlich neu lesen sollten, ohne dabei neurotisch zu fürchten, sich schlimm infizieren zu können. Wer sich darüber aufregt, möge Autoren benennen, die das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft treffender beschrieben als der Kritiker der politischen Ökonomie.

Kommt die Linke in ihrem Ansinnen dennoch nicht voran, liegt es neben anderem an ihren durchaus das Erbe der Aufklärung fortführenden Utopismen und einer Anthropologie, die den Menschen ebenso verklärt wie die Geschichte. Und die „Mitte“? Nichts anderes als eine behäbige politbetriebliche Versorgungsgemeinschaft im Sinne des Status quo, also der Sicherstellung von Ökonomismus und Konsumismus im hedonistisch aufstoßenden Übermaß.

Und die Rechte? Probt wegen schlechten Wetters im Saal

Aber die Konservativen? Während die Linke immer noch die alte und daher stets etwas nostalgische, ja beinahe liebenswert anzuschauende Linke geblieben ist, erscheint die nicht radikale, nicht nazistische Rechte neuerdings als modern. Vielleicht ist sie es außerhalb Deutschlands sogar noch mehr als hierzulande – frischer, intellektueller, weniger larmoyant und nicht so hoch geschlossen versteift.

Die deutsche intellektuelle Rechte entdeckt gerade „das Identitäre“, mußte sich aber selbst diesen Begriff auswärts entlehnen, für ihre Verhältnisse zunächst adaptieren und kramt folgerichtig nach Worten, um den so frischen Leitbegriff mit dem Lambda als Symbol zu untersetzen und handhabbar zu machen. Sie liebt die „Aktion“, die allerdings, mit Tucholsky gesagt, wegen des schlechten Wetters nach wie vor im Saale stattfindet.

Neben der sicherlich erforderlichen und höchst ehrenwerten Beschwörung des „Eigenen“, neben der damit korrespondierenden Abgrenzung gegenüber dem anderen, wünschte ich mir über die Gesten und über all die appellierende Performativität von Sprechakten hinaus eine „organische Intellektualität“ im Sinne Gramscis, die den politischen Konkurrenten nicht nur mit Plakaten und Provokationen stellt, sondern im Feuilleton, in der Literatur, im Bildnerischen, im Film.

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