Heimat

Kürzlich las ich eine wunderbare Kolumne von Birgit Kelle über Heimat. Der Text hat mich sehr berührt, denn meine Erfahrungen über das Thema sind ähnlich. Nicht nur, weil auch ich nicht von hier stamme und einen anderen Ort meine Heimat nenne. Sondern auch, weil meine Urgroßeltern, wie die von Birgit Kelle, in ihren jungen Jahren nach Amerika ausgewandert sind.

Mein Urgroßvater war ein Abenteurer: Er wollte die Welt fern seiner finnischen Heimat erkunden. Wie viele seiner Zeitgenossen wollte er sein Glück in Amerika herausfordern – viel zu verlieren hatte er nicht. 1902 ging er nach Minnesota, um dann dem Goldrausch in den Wilden Westen zu folgen, wo er in einer Mine nach dem Edelmetall grub und tatsächlich fündig wurde. Er ist nicht reich geworden, aber für ein eigenes Haus und eine Perspektive in der neuen Welt hat es gereicht.

Dort lernte er zufällig eine junge Frau aus seiner alten Heimat kennen – meine Urgroßmutter. Sie verliebten sich, heirateten und gründeten eine Familie. Sie bekamen zwei Kinder und bauten sich eine Existenz als Goldgräber auf. Doch meine Urgroßmutter wurde in Amerika nie heimisch. Und das, obwohl es ihr dort äußerlich viel besser ging als in Finnland: Trotz des Goldes verschwand ihr Heimweh aber nie, sondern wurde über die Jahre nur größer.

Goldgelbe Kornfelder und tiefgrüne Kiefernwälder

Immer öfter dachte sie an die ferne Heimat, an „das Land der tausend Seen“, der Mitternachtssonne und der tiefen unendlichen Wälder. Es schmerzte sie, so weit weg von ihrer Familie und ihren Verwandten zu sein. Offenbar so sehr, daß mein Urgroßvater schließlich bereit war, ihretwegen auf seinen amerikanischen Traum zu verzichten: 1912, im selben Jahr, in dem die Titanic gesunken ist, überquerten sie den Atlantik – diesmal in Richtung Heimat.

In Finnland kauften sie einen Waldbauernhof, mit weniger Perspektiven und größerer Not als in Amerika. Nun hatten sie zwar kein Gold mehr, dafür aber goldgelbe Kornfelder und tiefgrüne Kiefernwälder. Hier konnten sie endlich Wurzeln schlagen – so empfand das zumindest meine Urgroßmutter. Und sie hatte recht, denn aus diesem Wurzelwerk ist eine große Familie gewachsen: Auf ihrem Hof bekamen sie weitere sieben Kinder – das zweitjüngste davon ist meine Großmutter.

Das Gefühl, nicht alleine zu stehen

Wenn ich an derselben Stelle stehe wie einst meine Urgroßmutter, auf einem Felsen am Ufer des nahe gelegenen Sees, oder zwischen den hohen Kiefern in ihrem Wald laufe, dann glaube ich zu wissen, warum sie zurückkehren mußte.

Denn das muß ich auch, immer und immer wieder. Und die Heimkehr ist jedesmal genauso schön: Wenn ich die vertraute Landschaft aus dem Flugzeugfenster sehe, weiß ich, warum ich Finnland meine Heimat nenne. Und das, obwohl ich schon über die Hälfte meines Lebens dort nicht gelebt habe.

In Worte kann man das nicht fassen, oder zumindest nur so unpräzise, wie Liebe sich sonst auf Papier bringen läßt. Es ist das Gefühl der Identität, daß ich irgendwo geerdet und verwurzelt bin. Das Gefühl, nicht alleine zu stehen, sondern die Ahnen und ihr Leben hinter mir zu spüren und aus der Geschichte Kraft saugen zu können. Denn es ist auch meine Geschichte.

Zuhause, nicht Heimat

Ja, Deutschland liebe ich auch – sogar sehr. Doch diese Liebe ist mehr wie eine ausgesuchte Freundschaft, weniger leidenschaftlich und schicksalhaft. Deutschland ist mein Zuhause. Ich fühle mich hier heimisch, wohl und willkommen. Ich wurde immer gut angenommen, ja manchmal als Exot sogar zelebriert. Denn die Deutschen scheinen alles zu lieben, was anders ist als sie selbst.

Ich beherrsche die Sprache und kenne mich mittlerweile in der hiesigen Gesellschaft, in der Politik, Ämtern, Zeitgeschehen und der deutschen Lebensart manchmal sogar besser aus als in Finnland. Und trotzdem macht mich das alles im Herzen kein bißchen deutsch.

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich denn nach so vielen Jahren noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe. Ob ich mich denn hier nicht „dazugehörig“ fühle. Doch, antworte ich dann, aber dafür brauche ich keine Staatsbürgerschaft. Ich bin nicht deutsch und werde es auch nie.

Es sind auch die kleinen Dinge

Deutschland ist eine gute Heimat: Es ist die Heimat meines Mannes und meiner Kinder – aber es ist nicht meine. Die ist das nordische Land der vielen Seen, des kleinen, ehrlichen und schweigsamen Volkes, der komischen Sprache, der menschenleeren Natur, der Winterkrieger, die einst dem übermächtigen sowjetischen Nachbarn mit ihrem Kampfgeist, „Sisu“, tapfer trotzten.

Es sind aber auch kleinere Dinge: der Geruch des herbstlichen Waldes beim Preiselbeerensammeln, der mit Islandmoos bedeckte Waldboden, die rauhen Felsen und Findlinge, die seit der Eiszeit an derselben Stelle, manchmal völlig unberührt, stehen. Es ist der Sprung in einen einsamen See und das Wiederauftauchen, um die Mitternachtssonne auf dem Gesicht zu spüren.

Es ist die Begegnung mit einem Elch im Wald, aus dem klaren Wasser gezogene Hechte, der Wind und das Licht, das von einem anderen Winkel scheint als hier im Süden. Das sind die Dinge, die mein Herz so berühren und die ich unwiederbringlich Heimat nenne.

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