Das Vermächtnis der Unruhe

In der vergangenen Woche fiel mir in einem kleinen Berliner Antiquariat zufällig (man könnte auch sagen: schicksalhaft) „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa in die Hände. Pessoa starb 1935 als ein Niemand; gleichwohl fand man im Nachlaß des unscheinbaren Handelskorrespondenten nicht weniger als 27.543 Manuskripte verschiedenster literarischer Gattungen.

Mir war sein Name als Geheimtipp durch eine Neofolk-Veröffentlichung geläufig, daher erstand ich das Büchlein zum Spottpreis von vier Euro.

Lebenswerk aus der Truhe

„Das Buch der Unruhe“, portugiesisch „Livro do Desassossego“, besteht im wesentlichen aus fast 500 kurzen Segmenten im Stil von Notiz- oder Tagebucheinträgen, die der Autor über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg zusammensammelte. Einer geplanten Veröffentlichung kam Pessoas Tod zuvor – so erschien das Werk erst 1982, also eine volle Lebensspanne des Schriftstellers nach dessen Ableben.

Posthum wurde er so schlagartig bekannt; seine nüchterne, ungeschönte Beschreibung des portugiesischen (mithin paneuropäischen) Alltagslebens – stets durch die Augen der unteren Mittelschicht gesehen, aber mit einer scharfen Beobachtungsgabe für einzelne Momente und Begebenheiten gesegnet – fand und findet großes Lob von Seiten der Kritik und der Literaturwissenschaft.

Zaghafte Rufe aus der Geschichte

Gleichzeitig ist das „Buch der Unruhe“ wahrlich keine leichte Kost. Ganz im Gegenteil: Die Lektüre läßt sich kaum anders als als geradezu niederschmetternd bezeichnen. Was Pessoa durch den fiktiven Erzähler Bernardo Soares berichten läßt, ist von einer so erschütternden Sehnsucht, Traurigkeit und Resignation gegenüber dem Leben an sich geprägt, daß man – pathetisch gesagt – wohl ein Herz aus Stein haben muß, um sich nicht davon anrühren zu lassen. Gleichzeitig haben viele seiner Gedankengänge und Streiflichter es verdient, auch weiterhin im Geiste bewegt zu werden.

Zwar leben wir heute in einer kaum noch in Worte zu fassenden Epoche („Postmoderne“, das waren vielleicht die 1960er bis 1980er Jahre – und „Informationszeitalter“ trägt den schalen Geschmack des Euphemismus), die weder Pessoa noch seine Zeitgenossen in anderen europäischen Ländern ahnen oder erdenken konnten. Doch hat die Menschheitsentwicklung nicht mit dem technischen Fortschritt mitgehalten, und so erahnen wir in den Gesichtern unserer Mitmenschen, wie auch in ihren Worten und Taten, noch immer dieselben Motivationen, Gedanken und Emotionen wie seinerzeit der kleine Angestellte in Lissabon.

Schattenzeiten der Seele

Ein zentrales Motiv des melancholischen Lebensüberdrusses im „Buch der Unruhe“ bildet die Absage an alle Illusionen. Ausgehend vom Postulat, daß weder die Welt an sich einen Sinn hätte, noch, in ihr zu leben, stellt Pessoa-Soares die Gattung des Tatmenschen, der im Leben vorankomme, weil er sich um nichts und niemanden schere, neben diejenigen Menschen, denen das Elend des (Mit)Fühlens aufgebürdet worden sei.

Fest steht dabei, daß keine der beiden Gruppen um ihre offensichtlichen Defizite zu beneiden sei; da aber der Erzähler eindeutig den Fühlenden zuzurechnen ist und stets kleine Momentaufnahmen des schlichten Lebens schildert, die noch heute genauso passieren könnten, hat der Leser schon ein zartes Band des Sympathie und möglicherweise der Identifikation mit dem fundamental unglücklichen Soares aufgebaut, ehe es ihm selbst bewußt wird.

Was aber treibt uns?

Vom Lob der Leistung eines (Noch immer? Wieder?) beinahe vergessenen Autors aber zur konkreten Frage: Woher eine Motivation zum Handeln nehmen, angesichts der allgegenwärtigen Banalität des schlichten Überlebens? Worauf soll oder kann ich hoffen, wenn der Akt des Hoffens eine Absurdität darstellt?

„Alle haben wie ich ein überspanntes, trauriges Herz“, heißt es da. „Aber sie alle, die Ärmsten, sind Dichter, und schleppen in meinen Augen wie ich in ihren Augen das gleiche Elend unserer gemeinsamen Unstimmigkeit mit sich herum.“ Die Unstimmigkeit, das ist hier die Disparität des Bildes, das der jeweilige Mensch von sich selbst hat und das er auszufüllen gedenkt, und seiner tatsächlichen Gestalt. Rät Pessoas großes Trauerspiel des kleinbürgerlichen Lebens also dazu, sich in sein Schicksal zu fügen und nach nichts mehr zu streben, da man ohnehin stets nur enttäuscht werden wird?

„Das Leben, wie es sein sollte“

Zu weitschweifigen Träumen winkt der Erzähler nur müde ab. Wer sich selbst als Held imaginiere, dem werde die traurige Ausweglosigkeit seiner tatsächlichen Situation nur um so bewußter. Sieht es heute nicht ähnlich aus, wenn man die Erwartungen an seine Lebensgestaltung, die Menschen um sich herum, ja gar die Gesellschaft und den Staat mit der allabendlich durch die Tagesschau in unsere Wohnstuben getragenen Wirklichkeit abgleicht?

Gelegentlich braucht es wohl eine Lektüre wie Pessoa (oder, modern: Bret Easton Ellis, Christian Kracht und andere), um sich darüber klarzuwerden, welcher Art der Schmerz ist, den man hin und wieder irgendwo zwischen Hirn und Herz dumpf pochen fühlt. Woran es mangelt, was es zu suchen gilt und was manch einen zum Ausbrechen aus den vorgefertigten Pfaden veranlaßt: Das ist ein überpersönliches Zuhause, eine Heimat. Das, was Pessoa den „Ort, an welchem man nicht fühlt“ nennt, weil man dort bei sich selbst ist, jedes Jota kennt und in fundamentaler Sicherheit ist.

Auszüge aus „Das Buch der Unruhe“ sind hier nachzulesen.

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