Wittgenstein, der stille Revolutionär

Ludwig Wittgenstein hat, scheint es, nichts Politisches und dürfte selbst als apolitischer Mensch gelten können. Seine letzten Worte – „Sagen sie ihnen, daß ich ein wundervolles Leben gehabt habe.“ – offenbaren mitten im 20. Jahrhundert eine beeindruckende Haltung.

Hat Sprachphilosophie mit politischer Philosophie zu tun oder kann sie politisch verstanden werden? Die Linken haben mit diesem „Spätbürger“ gar nichts anfangen können, ihnen reichten – häufig verkürzt verstanden – Marx und dessen Epigonen, die Rechten ignorierten ihn weitgehend, obwohl er lebenslang um eine Klärung rang, die, politisch bedacht, durchaus konservativ anmutet und gerade in der deutschen Politik mindestens mit intellektuellem Witz anzuwenden wäre.

Pazifismus hielt er für eine verlogene Phraseologie

Etwas ausgeholt: Der junge Wiener, der sein Millionenerbe bedürftigen Künstlern vermachte, meldete sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst, weil er durchaus patriotisch fühlte. Pazifismus, etwa von seinem Kollegen Bertrand Russell vertreten, hielt er für eine verlogene Phraseologie. Er ging durch die Hölle der Fronterlebnisse und saß am Monte Cassino in Gefangenschaft.

Seine Vorgesetzten in einem Antrag auf Beförderung: „… der Fall, daß ein gänzlich Untauglicher mit dem ersten Mobilmachungstag zur Front einrückt, aus lauter Begeisterung sogar aufs Freiwilligenrecht verzichtet, dann sich durch 10 Monate mit wirklich sehr gutem Erfolg als Art. Ing. spezialisiert, kommt doch nicht alle Tage vor.“

Der berühmte „Tractatus Logico-Philosophicus“ entsteht im Krieg, teilweise an der Front, und stellt, sehr verkürzt ausgedrückt, die Philosophie zum erstenmal ganz im Medium der Sprache dar, insofern sie sich sprachlich objektiviert und so an den strengen Regeln der Logik und exakten Wissenschaften gemessen werden kann.

Eine Pleiteerklärung für die Philosophie

Was kann klar gesagt werden? Nicht viel! Eigentlich nur die Sätze der Mathematik, Logik und Naturwissenschaft, also Dinge, mit denen man philosophisch nichts erfährt: „Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, aber unsinnig.“ Nichts weniger als eine Pleiteerklärung für die Philosophie.

Was fängt man damit an? Man könnte sich die Philosophie aufgeben, ganz so wie Wittgenstein es zunächst konsequent tat, indem er ausstieg, Volksschullehrer wurde, später Gärtner und sich immer mal an einen norwegischen Fjord zurückzog.

Aber: Der Mann revidiert in der Spätphase seines Lebens den desillusionierenden Einstieg insofern, als daß er zu erkennen meint, daß Sprache nun mal nicht objektiv abbilden könne, also alle philosophischen Probleme zuerst und ausschließlich Sprachprobleme wären und blieben. Alle Philosophie wäre dann lediglich Sprachkritik, die nur die Aufgabe hätte, „die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache“ weitestgehend aufzuheben.

Sprachregelungen und Denkverbote durchbrechen

Hat das eine politische Dimension? Absolut in dem Sinne, daß jeder, dem es um die Klärung politischer Sätze zu tun ist und der versucht, Klarheit herzustellen, demagogische „Sprachregelungen“ und die damit zusammenhängenden politischen Denkverbote angreift und für den Skandal sorgt, aus dem denkerisch wie handelnd die Verkrustung knirschend in Bewegung gerät.

Mit Blick auf die aktuelle Verfaßtheit der Politik bedarf es nicht der Barrikade, um im konservativen Sinne revolutionär zu sein. Ein analytischer Blick auf die Zeichen der immer wieder ventilierte Leitsätze und Phrasen reicht völlig aus, einhergehend mit dem Versuch, genauer formulierte Sätze dagegen zu stellen. Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Man prüfe in diesem Sinne nur mal die Semantik der Leitbegriffe und kritisiere diese aufmerksam. Das allein sorgt schon für eine Neubestimmung und läßt den Diskurs mit dem „Establishment“ in einer Weise führen, daß es aus der Verphrasung herausgezwungen wird. Man probiere es mit einfachen Sätzen der verklemmten Statements aus und prüfe, welche Bedeutung deren Zeichen haben sollen. Vielfach ist der Kaiser dann nicht nur nackt, sondern es erweist sich sogar, wie man redlicher verfahren könnte.

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