„Sucker Punch“ – Eine Ästhetik des Scheiterns

Schon im „Dawn of the Dead“-Remake (2003) und dem Antiken-Comic „300“ (2006) zeigt Hollywood-Regisseur Zack Snyder das Leben als Kampf gegen übermächtige Gegner, sprich brüllende Zombies, riesige Armeen und Gottkönige. Die Kritik wirft ihm faschistoiden Bellizismus vor, dabei wird übersehen: Seine Action-Helden sind keine strahlenden Sieger, ihre Kämpfe sind vergeblich, der Untergang ist unabwendbar, im Gegensatz zu den Akteuren aus „Lord of the Rings“ (2001-3) oder „Planet Terror“ (2007).

Aber seit der antiken Tragödie fand das Scheitern keine so schöne Form wie in „300“, provoziert durch sepiafarbene Bilder, computeranimierte Bergschluchten, blitzschnelle Zooms, rasante Montagen, quälende Zeitlupe und aufpeitschende Off-Kommentare.

Böser Stiefvater initiiert Einweisung in die Psychiatrie

In Snyders aktuellem Film „Sucker Punch“ (2011) manifestiert der überdimensionale Feind sich im bösen Stiefvater und einer psychiatrischen Anstalt. Die 20jährige Heldin (Spitzname: „Baby Doll“) scheitert gleich zu Beginn: Beim Versuch, den Stiefvater am Mißbrauch ihrer Schwester zu hindern, den Aggressor zu erschießen, trifft sie ihren Schützling. Die Schwester stirbt und der Stiefvater initiiert „Baby Dolls“ Einweisung in eine Psychiatrie. Die ragt finster auf einem Hügel, an Schloß Dracula erinnernd.

Man ahnt, daß hier alles, nur keine Heilung wartet. Tatsächlich gibt der Stiefvater noch keine Ruhe, läßt eine Lobotomie-Anweisung der Klinikleitung fälschen. Fünf Tage bleiben der Heldin bis zur seelischen Exekution. Sie entflieht in ihre Phantasie: Darin wird die Psychiatrie zum Bordell, die Insassinnen mutieren zu Prostituierten: Ausgelieferte Objekte, nicht mehr der Ärzte, sondern der Freier.

Es kommt zum Ausbruch, zu wilden Kämpfen gegen Zombie-Soldaten, Zeppeline, Doppeldecker-Flugzeuge, feuerspeiende Drachen und Samuraikrieger: Initiation durch Kampf gegen die Angst-Dämonen. Die symbolisieren wie im Alptraum die drohende Gefahr. So stehen Untote für die lobotomische Zombiefizierung.

Unbedingte Identifikation mit dem Helden verlangt

„?Eine Meditation über Freiheit“ will Regisseur Snyder hier inszeniert haben, quer durch die Rumpelkammer der Welt- und Mythengeschichte. Alice im postmodernen Schreckensland. Ohne Detail zu verraten: Auch dieser antipsychiatrische Aufstand endet wie in Milos Formans „?One flew over the cuckoo’s nest“ (Einer flog über das Kuckuksnest, 1975) überaus tragisch.

Repräsentierten die Spartaner in „300“ mit ihren geölten, muskulösen Körpern das Maximum an Männlichkeit, so sind die kurvenreichen Heldinnen in „Sucker Punch“ mit ihren Korsagen und Netzstrümpfen Prototypen des Weiblichen. Daß zu diesem Aufzug auch ein Maschinengewehr paßt, wußten schon Neo-Amazonen wie Cherry Darling („Planet Terror“) und die androide Alice (schon wieder Alice!) aus „Resident Evil“ (2002). Sogar Walt Disney-Star Vanessa Hudgens gefällt sich in Snyders Film mit einer Bleispuste.

Wie immer verlangt der Ex-Werbefilmer unbedingte Identifikation mit den Helden: nur so entfalten seine Streifen ihre Wirkung, stählen sie den Zuschauer gegen die Tragik der Existenz. Denn jedes Leben ist tragisch, jeder Kampf zuletzt vergeblich, am Ende lauert unweigerlich die Vernichtung. Snyders Filme machen Mut, entfachen die nötige Energie, nicht aufzugeben, nicht in Lethargie zu versinken. Kann Kunst eine wichtigere Aufgabe erfüllen?

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