Im Lift auf die Höhen des Lebens

Immer noch der Blick auf die animierte Karte Europas vor unserem geistigen Auge. Gelangweilt stellen ich und mein Nachbar fest, daß wir in Sekunden denken, während die zeitlichen Dimensionen unseres Schaubildes solche sind, deren Betrachtung einer besonderen Erdung bedarf, die wir – von der Anbetung Entfremdeten – nicht haben.

So steigen wir voll jugendlicher Ungeduld in den Lift, er und die Abenteuerlust bringen uns hinab in die Höhen des anfaßbaren Lebens. Schneller als erwartet sind wir da, husten, klopfen uns die schwarzen Federn vom Mensch gewordenen Leib, schauen uns um und erkennen jene, die wir von oben mit einer gewissen Berechtigung als Partikel wahrgenommen haben.

Aus der Froschperspektive betrachtet sind sie moralische, differenzierte, transzendente, verantwortliche und schuldfähige Wesen. Wenn sie sich entscheiden, nur zu zweit eine große Wohnstätte zu beziehen, ein kastengleiches gelbes Reihenhaus am Stadtrand zu bauen oder gleich zwischen den Zentren zu pendeln und damit den Strömen ihren Treibstoff zu geben, dann haben sie tatsächlich gute Gründe dafür. Wir bekommen ein Gefühl von der totalen Mobilmachung.

Wertschätzung für die Kleinen

So sind sie doch frei, auch wenn die Definition ihrer Rechte kluge Andere mit einigen Problemen konfrontiert, die unserer Wertschätzung des Einzelnen nicht im Wege stehen soll. Mein Nachbar und ich lernen schnell Zuneigung für die Kleinen zu empfinden und werden flugs zu teilnehmenden Beobachtern. So löst sich unser Griff und wir schreiten tapsenden Schrittes getrennter Wege. Ein Kleiner führt mich an eine Straßenecke, wo ich schockiert den Unterschied zwischen hier und oben erfasse. Gebannt starre ich auf ein frisch saniertes Eckhaus. Neue Scheiben, neue Fassade.

Eine Erfüllung mit Sinn wertet das Gebäude so sehr auf, wie es dem Quadratkilometer rundherum neuen Auftrieb gegeben hat. Diesen Umstand zu erkennen, wäre von oben nicht möglich gewesen. Voll des Glückes blicke ich mich um, weil ich meinem Nachbarn dieses Gefühl vermitteln will. Doch er ist nicht da. Mit dem Gefühl der Panik tapse ich in eine beliebige Richtung, ohne ihm näher zu kommen.

Er wird – wie ich – derzeit ein Abenteuer erleben, allein unter Kleinen. Sie scheinen mächtig zu sein, hier jedenfalls, aber auch gnädig, da meine Panik keinen Groll in ihnen auslöst. Sie verstehen nicht den Grund, in ihren Ohren muß ich wohl stammeln, und in ihrer Ratlosigkeit holen sie meinen Nachbarn. Sie führen mich ihm zu, erleichtert greifen wir uns bei den Händen und nehmen Arm in Arm den Lift zurück nach oben.

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