Joachim Kuhs

 

Ein Wulff im Schafspelz

Vielleicht hat es so etwas immer schon gegeben, geschäftliche Beziehungen zwischen „schillernden“ Wirtschaftsgrößen und hochrangigen Politikern. Und vielleicht gibt es zurzeit noch viel mehr von solchen Beziehungen, die Öffentlichkeit hat jedoch keine Kenntnis davon. Und vielleicht ist das auch nicht immer so schlimm, vielleicht wird die Politik dadurch auch nicht besser oder schlechter.

Also vielleicht hatte das Bundesland Niedersachsen weder Nutzen noch Schaden von diesem Privatkredit, den eine Unternehmergattin dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten, Christian Wulff, gegeben hat. Vielleicht – das schreibe ich mit aller Vorsicht – ist Gemauschel auch mal im Sinne der Allgemeinheit, der „kurze Dienstweg“ kann mitunter doch effektiver bestritten werden, als kleinliches Prozedere.

Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit …

Vielleicht. Bei diesen Unwägbarkeiten stellt sich die Frage, wie sehr man jetzt medial auf den Präsidenten einzudreschen braucht. Es ist vielleicht gar nicht so wild, daß er sich von langjährigen Bekannten sehr viel Geld leiht, wenn es für ihn ökonomisch sinnvoll war: Warum nicht? Auch der Umstand, daß er in der Villa eines Bekannten übernachtet und Vergünstigungen bei Flügen erhält: Sei’s drum. Das ist ein Niveau von Gefälligkeiten, über das es sich nicht zu entrüsten lohnt, es ist schlichtweg seine Privatsache.

Nur: privat und öffentlich ist bei einem Ministerpräsidenten (und noch weniger bei einem Bundespräsidenten) nicht immer zu trennen. Mit einer recht einfachen, aber doch klaren Logik könnte man von einem Politiker in dieser Position verlangen, im Privatleben nur die Dinge zu tun, die er auch öffentlich vertreten kann – wenigstens so lange, wie er ein Amt innehat. Er kann sich das Geld also leihen und bei einem Millionärsfreund übernachten, wenn er bereit ist, das auch zuzugeben. Wenn er das nicht ist, dann muß er in den sauren Apfel beißen und sein Haus in Großburgwedel eben in acht, statt in vier Jahren abbezahlen.

Diese moralische Forderung geht sehr weit, besonders dann, wenn man selbstkritisch auf die eigene Diskrepanz zwischen öffentlichem Wirken und privatem Handeln schaut. Aber sein Amt läßt diese Forderung schon zu. Vielleicht wird der nächste Bundespräsident ja besser.

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