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Die Un(frei)willigen

Es hat schon etwas von Realsatire: Da wird die Wehrpflicht ausgesetzt, fortan melden sich „ganz unerwartet“ viel zuwenig Freiwillige. Und nun, einen Monat nach Beginn des ersten Quartals ganz ohne Wehrpflichtige, hat bereits ein Achtel von ihnen wieder den Dienst quittiert.  

Krieg spielen für Geld

Da fragt man sich wirklich, wie es in den Köpfen dieser jungen Leute aussieht. Vor hundert und auch noch vor fünfzig Jahren meldete man sich noch aus „Abenteuerlust“ oder schierer Armut zur Fremdenlegion, doch diese Zeiten sollten in unserem Tittytainment– und Wohlstands-Wohlfühlstaat eigentlich passé sein. Dennoch, oder gerade deswegen: Detaillierteren Berichten zum Thema zufolge scheint der freiwillige Dienst an der Waffe – zumindest im Vorfeld – nicht viel mehr als ein unverbindliches Freizeitvergnügen, für das man auch noch besoldet wird, gesehen zu werden.

Kein Wunder, daß da die Frustration schnell ansteigt. Insbesondere angesichts der offenbar völlig abstrusen Erwartungen, mit denen die Rekruten an ihr neues Betätigungsfeld herangehen: Das Entsetzen darüber, in der Grundausbildung keinen klar abgezirkelten Acht-Stunden-„Arbeitstag“ zu haben, ebenso wie Aussagen à la „Einige störte der rauhe und laute Umgangston, der sie an die alte, abgeschaffte Wehrpflichtigen-Armee erinnerte“, zeugen von einem absoluten Mangel an innerlicher und gedanklicher Vorbereitung auf den Soldatenberuf. 

Der Primat der Beliebigkeit 

Gleichsam manifestiert sich im schnellen Einknicken so vieler junger Rekruten auch ein erschütterndes Jugendphänomen. Die Negierung jeglicher Konsequenz in Tat und Rede, das Einnisten in einem behaglichen Nest totaler Unverbindlichkeit – phänotypisch offenbar in der Geste des leer lächelnden Achselzuckens und Sich-Abwendens, sobald ein Vorhaben nicht gleich gelingen will – vergiften seit geraumer Zeit nicht allein zwischenmenschliche Beziehungen und das Verhältnis zu Kultur, Nation, Volk.

Selbstverständlich ist auch das Berufsleben davon betroffen. Meine Alterskohorte wird nicht umsonst in den Medien öfters provokant „Generation Praktikum“ genannt; auch das fortlaufende Herunterschrauben der universitären Zulassungsbeschränkungen trägt viel zur weitverbreiteten Laissez-faire-Einstellung unter meinen Altersgenossen bei.

Die Bundeswehr muß davon noch wesentlich stärker betroffen sein als andere Berufsgruppen, da sie den Diensttuern eine fast schon „instinktive Dialektik“ abverlangt. Als Soldat, insbesondere in der Grundausbildung, muß man irgendwo im Spannungsfeld zwischen Gehorsam und eigenständiger Entscheidung, zwischen Selbstbehauptung und Kameradschaft, zwischen Tapferkeit und kühlem Raisonnieren seinen Platz finden. 

Wille – Tatkraft – Potential 

Dazu gehört vor allem eines: ein klarer, starker und unbeugsamer Wille. Dieser ist, im Gegensatz zu Hör- und Sehfähigkeit sowie Ruhepuls, in der obligatorischen Einstellungsuntersuchung nicht überprüfbar. Daran krankt es, denn dieser Wille wird rar. Wenn ich an meine eigene Grundausbildung zurückdenke, fallen mir viele Kameraden ein, die nur äußerst unwillig ihren Dienst taten. Ein Stubenkamerad hatte schlicht vergessen(!), seine Verweigerung abzusenden; ein anderer Angehöriger unseres Zuges hatte den Dienst nur deshalb angetreten, weil „Frau und Kind vom Sold besser leben als von Stütze und das hier bestimmt spannender ist als Altenpflege“ (O-Ton).

Kein Wunder, daß nun, bei Bundeswehr-Kündigungsklauseln und „Probezeit“, viele junge Menschen abspringen, wenn sie plötzlich in einen Connex von Verbindlichkeiten eingewoben sind, die sie so nie kannten und zu denen sie schlichtweg keine Empfindungen haben. Dabei werden in der real existierenden Interventionstruppe Bundeswehr noch nicht einmal solch hohe ideelle Werte abverlangt, wie sie Karlheinz Weißmann dem Offizier anheimstellt.

Wer sich nicht präpariert, verliert!

Diese Willenlosigkeit als Verfallserscheinung zeigt sich überall. In meinem ersten Semester als Geschichtsstudent quittierten Dutzende Kommilitonen ihr Hauptfach und „schulten um“, als ihnen klarwurde, daß sie innerhalb der ersten beiden Semester ihr Latinum würden nachholen müssen. Ein Umstand, der in der Studienordnung selbstverständlich vermerkt war, doch die hatte vor der Immatrikulation kaum jemand gelesen.

Wo man sich aber nicht mit den (eventuellen) Konsequenzen seines Handelns auseinandersetzt, da wird man immer unvorbereitet getroffen und schleicht – mangels Behauptungswillen – wie ein geprügelter Hund davon. Fast scheint es so, als hätte sich heute die Ansicht durchgesetzt, es gäbe für jedes Mißgeschick im Leben eine „Pille danach“.

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