Die Mentalität des Dienstleisters

Daß die Definition eines Begriffes in der Politik über Sieg und Niederlage (mit-)entscheidet, ist bekannt. Aber solche Macht über Diskurs und Verständnis verändert auch die Praxis. Wenn der Begriff nämlich Lebensgefühl und Weltbild der Menschen trifft, umbaut und, daraus abgeleitet, neue Erwartungen weckt.

Vor diesem Hintergrund kann man jenen, die den Begriff des „Dienstleisters” während der letzten Jahre kaugummiartig gedehnt haben, nur gratulieren. Kürzlich, in einem Café, demonstrierte ein Mann mittleren Alters die Okkupierung seiner Weltsicht durch exakt diesen Begriff: Mit seiner Psychotherapie sei er gar nicht zufrieden, jammerte er. Er müsse die ganze Zeit reden, reflektieren, während der Therapeut bloß dasitze, nur ab und an mal eine Frage stelle. Dabei müsse der Seelenklempner doch wissen und tun, schließlich sei er ein „Dienstleister”. Da sei solche „Passivität” fehl am Platze.

Dienstleister im Talar

Kurz darauf wütete der therapiekritische Gast in ungebremster Erkenntnislust auch gegen Priester: Deren „Dienstleistung” in Glaubensvermittlung und Seelsorge lasse zu wünschen übrig. Wenn sich „Kollegen” aus anderen Bereichen sowenig Engagement erlauben würden… – Was hier geschieht: „Dienstleistung”, ein Sammelbegriff für immaterielle Arbeit, mit tatkräftigem „Dienst” am „passiven” Kunden assoziiert, soll Forderungen gegenüber einer Tätigkeit begründen, auch wenn die gar nicht ins Schema paßt.

Leider findet dieses „Denk”-Modell nicht nur am Stammtisch, sondern auch auf „höchster” Ebene seine Anwendung. So erklärte man auch Universitätsdozenten zu „Dienstleistern“, beauftragt mit Wissensvermittlung, und verlangt effizientere Lehrmethoden. Dabei ähnelt die Tätigkeit des Dozenten der von Therapeuten und Seelsorgern: Sie alle können „nur” Hilfsfunktionen erfüllen, während die Hauptarbeit – die Aneignung von Wissen, die Wiedererlangung seelischer Gesundheit, die Lösung religiöser Fragen – beim Patienten, Studenten oder Gläubigen liegt.

Falsche Bilder und Erwartungen

Das Problem ist nur, daß die Subsumierung dieser Hilfstätigkeit unter dem Oberbegriff „Dienstleistung” falsche Bilder und Erwartungen beschwört. Und, wo Erwartung herrscht, da findet sich auch ein Anbieter. Wen wundert‘s, daß immer mehr Therapie-Methoden den Markt stürmen, die dem Dienstleistungs-Klischee entgegenkommen. So verspricht eine Website für aufgepeppte Verhaltenstherapie: Vorbei die Zeit, als Psychotherapie noch „obskure Glaubensrichtung” war: „?streng wissenschaftlich fundiert, hocheffektiv” und von „geringer Behandlungsdauer” sei diese Methodik, „eine strikt problemorientierte Dienstleistung”.

Wozu quälende Selbsterfahrung oder gar das Leben ändern? Hier gilt es, mit dem „Dienstleister” effiziente Lösungsstrategien für die Probleme zu entwerfen. Was Phobien einem sagen wollen? Gar nichts, natürlich. Die lassen sich einfach mit „?Reizkonfrontation” abbauen. Wer gar keine Zeit für seine Seele hat, dem kann immer noch mit effizienten Wochenend-Workshops geholfen werden.

E-Mail-Therapie

Mehr noch: In jüngster Zeit ist nicht mal mehr die physische Präsenz des Therapeuten nötig, so im Internet-Chat – eine Art „E-Mail-Therapie“, von der FAZ.net jüngst berichtete. Oder man spart das Personal gleich ein, etwa bei therapeutischen Computerprogrammen.

Solcher Wahnsinn durch Verknüpfung von Unvereinbarem ließe sich an unzähligen Beispielen aufzeigen, hier sei nur der neu-inflationäre Gebrauch des Wortes „investieren” erwähnt: Wer Bildung als „Investition” versteht, blendet die ursprüngliche Aus-Bildung der Persönlichkeit damit aus. Wie die Bologna-Reform schon gezeigt hat.    

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