Autobiographie eines Affen

Wer Zweifel am Urteilsvermögen von Literaturkritikern hegt, wer jedes Mal in Gelächter ausbricht, wenn er den Namen des nächsten Literaturnobelpreisträgers hört, der wird im Folgenden sämtliche Vorurteile bestätigt finden und kann seine Haß auf den „Betrieb” noch einmal so richtig steigern: Vor drei Jahren erschien in England eine Autobiographie unter dem Titel „Me, Cheeta“ (Ich, Cheeta). Autor unbekannt, es sei denn, man glaubte wirklich an die Urheberschaft des legendären Schimpansen aus den „Tarzan“-Filmen.

Dieser rechnet darin mit 76 Jahren Hollywood, dessen Schauspielern, Regisseuren und anderen Tieren ab. Englands Presse las und jubelte: „Ein satirisches Meisterwerk, eine geniale Parodie“ urteilte der Daily Telegraph. Nicht minder hysterisch das Lob des Observers: „Was für ein Original!“ Oder: „‚Me, Cheeta‘ sind vielleicht die besten Hollywood-Memoiren, die je geschrieben wurden.“ (Mail on Sunday). Das Buch war sogar für den Man Booker Prize nominiert, Englands größter Literaturauszeichnung, die man schon an Kaliber wie Philip Roth oder Salman Rushdie verlieh. Jetzt also an Cheeta?

Das ergäbe ein unlösbares Problem: Zwar hat das Guineas Buch der Rekorde (2003) ihn zum ältesten Primaten der Welt erklärt, und das Magazin Focus (?11. April 2007) zum 75. Geburtstag gratuliert, dennoch hat es Cheeta nur als Rolle gegeben, dargestellt von unterschiedlichen Schimpansen. Cheeta der ersten Weissmuller-Tarzan Filme (1932–34) beispielsweise hieß mit bürgerlichem Namen „Jiggs“ und starb 1938, im Alter von neuen Jahren, an einer Lungenentzündung. Aber wer war dann der Autor?  

Das Buch hält nicht, was die Medienhysterie verspricht

Ein Debutant namens James Lever, vorab Kritiker und Publizist. Der präsentiert sich auf dem Coverfoto der soeben erschienenen deutschen Übersetzung mit cooler Lederjacke und angestrengten Zug an der Kippe. Nur, leider hält das Buch nicht, was Selbstinszenierung und Medienhysterie versprechen. Gut, die Idee, die Gesellschaft aus der Primaten-Perspektive zu schildern, ist keineswegs neu. Bereits Kurt Tucholsky startete seinen Essay über Besucher vor dem Affenkäfig mit der Simplicissimus-Weisheit: „Der Affe (vor den Besuchern): ‚Wie gut, daß die alle hinter Gittern sind!‘“ Gefolgt von Schilderungen, wie sich Zoobesucher „täglich von neun bis sechs Uhr“ vor der Affenhorde blamieren.  

Zu erzählen, wie sich Hollywoods Star-Zoo vor Cheeta blamiert, wäre in der Tat lohnend gewesen, gehört die Traumfabrik doch zu den einflußreichsten Sozialexperimenten des 20. Jahrhunderts: Als ein durch Studiosysteme restlos versorgter Mikrokosmos, in dem sich alles um künstlerische Produktion drehte, dessen Akteure manchmal in drei Filme parallel spielten. Als Künstler-Kloster à la Stanislawski, made in USA, von den Medien zur Insel der Seligen stilisiert. So produzierte das (ehemals) kleine Vorörtchen von L. A. in einem Vierteljahrhundert mehr Mythen als sämtliche Völker bis dahin zusammen, bannte mehr Bilder gegen die Vergänglichkeit als alle Kunstsparten zuvor.

Aber was erzählt uns Lever? Daß Bogart zum Beispiel ein liebenswerter Mensch war, wenn er nicht gerade trank. Das aber liest man in jeder handelsüblichen Biographie, dazu brauchte er mit Cheeta keine imaginäre Boots-Touren zu starten. Ein Kritiker lobte, nach „Me, Cheeta“ sehe man das klassische Hollywood mit neuen Augen. Die Wahrheit ist: So wie Cheeta es schildert, kennt man es aus tausend früheren Werken, aus Kenneth Angers Klatschklassiker „Hollywood Babylon“ (1959) beispielsweise. Zumal Cheeta in seiner „Autobiographie“ auch Anekdoten erzählt, bei denen er nicht anwesend war, ja, eigene Präsenz nicht einmal behauptet. So ist das literarische Stilmittel des äffischen Ich-Erzählers oft völlig nutzlos: Daß Regisseur Howard Hawks seinem Star Lauren Bacall bei den Dreharbeiten zu „The big sleep“ (1946) nachstellte, das konnte Cheeta nur in Bacalls Memoiren gelesen haben. Jedenfalls war er nicht dabei.

Cheetas Kommentare sind oft von aggressiver Blödheit

Und als Doku-Fiction? Auch als literarischer Mix zwischen Realem und Fiktivem ist „Me, Cheeta“ nicht sehr ergiebig. Zu wenig ergänzt oder interpretiert die Phantasie das Reale. In einem Fall ist es bloß simpler Transfer: Wenn Maureen O’Sullivan (die „Jane“ aus den frühen Tarzan-Filmen) in einem Party-Pool badet und Cheeta ihr das Kleid stiehlt, ist das eine direkte Übernahme jener Szene aus „Tarzan and his Mate“ (1934), in der Jane in den See springt und der Schimpanse mit ihrem Kleid abhaut. Abgesehen davon sind Cheetas Kommentare oft von aggressiver Blödheit, für die selbst geistige Tiefflieger wie Dieter Bohlen sich nicht schämen müßten.

Immerhin, am Ende imaginiert der Star-Schimpanse, als erstes Tier einen Oscar für sein Lebenswerk zu erhalten. Dann würde er seine Dankesrede beginnen: „Diese Auszeichnung ist nicht nur für mich, sondern (…) für jedes Tier, das je für die Filmkunst gelitten hat. Für alle Tiere auf der ganzen Welt, die ihre Lebenszeit dafür gegeben haben, euch zu unterhalten – für jeden tanzenden Bären und springenden Delphin, diese Auszeichnung gibt ihnen Hoffnung.“ Cheeta glaubt, daß Selbsthasser wie Sean Penn sich jetzt auf eine Wutrede freuen würden. Aber er, der Schimpanse, ließe sie auflaufen, gäbe dem Vortrag eine radikale Wendung: „Ich möchte sagen, als ein Tier, daß es eine ganz besondere Ehre und ein Privileg gewesen ist, mit Menschen zu arbeiten. Wie ihr uns doch liebt! Wie obsessiv ihr uns träumt, uns zeichnet und uns selbst in den Wolken seht.“
 
Hier gelingt Cheeta erstmals eine wirkliche Provokation: Ob die Tiere uns Menschen vielleicht gar nicht hassen? Ob sie am Tag des Jüngsten Gerichts (wenn er käme) wirklich – und wider Erwarten – für uns sprächen, anstatt uns zu verdammen? Allein wegen dieser Frage war die Lektüre nicht völlig umsonst.

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