Joachim Kuhs

 

Anthropozän

Während es bei Diskussionen und Protesten zur latenten Finanzkrise reduziert um die Perspektive von Konsumbedürfnissen und Besitzstandswahrung, vielleicht gar um ein wenig Klassenkampf 2.0 geht, wird aus dem Blick verloren, daß die Zusammenhänge komplexer sind als das bloße Geschäft der Gier, zu dem der Bangster ebenso gehört wie der Discountereinkäufer, gar nicht zu reden von der Lobbyistenagentur gegenwärtiger europäischer Politik, die bereit ist, einem fragwürdigen Status quo ein Maximum gesellschaftlichen Reichtums zu opfern.

Gegenstand gewinnträchtiger Verwertungsinteressen ist jedoch nicht allein der Mensch als arbeitendes und verbrauchendes Wesen, sondern der Planet Erde. Gegenüber dem Schutz des menschlichen Lebens erscheint das religiöse und konservative Bewußtsein sehr geschärft. Es wird im menschenrechtlichen Sinne gestützt vom Erbe der Aufklärung, insbesondere von dem auf Kant zurückgehenden Begriff der Würde, der sich in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ entwickelt findet.

Aber: Gibt es im gegenwärtigen konservativen Denken eine ähnliche Sensibilität mit Blick auf die Erde, deren Ausplünderung die Grundlage aller Reproduktionskreisläufe ist? Man muß diese Sachverhalte nicht unbedingt wirtschaftswissenschaftlich ansehen. Man kann sich ihnen sogar ästhetisch nähern, ethisch sowieso. Katastrophen brauchen für die Illustration des Wandels nicht bemüht werden, der normale Verlauf erscheint eindrucksvoll genug. Streitbar etabliert sich dafür bereits der Begriff eines neuen Erdzeitalters, des Anthropozäns.

Konservatismus muß den Planeten neu sehen lernen

Mittlerweile sind 80 Prozent der Landfläche vom Menschen verändert, zwei Fünftel werden für Nahrungsproduktion genutzt, die Holzgewinnung nicht eingeschlossen, schätzt Erle Ellis, Ökologe der University of Maryland. Während heute 90 Prozent der Gesamtmasse aller Wirbeltiere aus Menschen und deren Nutztieren besteht, lag dieser Wert vor 10.000 Jahren noch bei 0,1 Prozent. Bergbau, Infrastruktur und insbesondere Verkehr haben das Relief der Erde verändert, die Atmosphäre ist mit C-12-Kohlenstoff so geflutet, daß sich Veränderungen in Plankton, Korallen und Muscheln nachweisen lassen. Die Weltmeere sind durch die Kohlenstoffdioxid-Aufnahme sauer wie seit 800.000 Jahren nicht mehr. Von Überfischung, Überdüngung und Vermüllung mal gar nicht zu reden.

Mich hat die Skepsis des Konservatismus gegenüber den Daten des Klimawandels immer gewundert, und ich frage mich, warum zur „Bewahrung der Schöpfung“ kein aufmerksameres Augenmerk den Mitgeschöpfen und der Erde selbst gehört. Weshalb diese Leitthematik den Grünen überlassen, deren Wirken zwar die Entwicklung eines ökologischen Bewußtseins zu verdanken ist, die aber ebenso mitverantwortlich sind für einen agrar-industriellen Komplex, der mit dem pauschal positiv anmutenden Etikett „Bio“ für die Zunahme der Monokulturen sogenannter Energiewirte verantwortlich ist, die beispielsweise in Mecklenburg die botanische und zoologische Artenvielfalt vernichten?

Hans Jonas, der den kategorischen Imperativ um das „Prinzip Verantwortung“ erweitert wissen möchte, und Peter Singers oder Helmut F. Kaplans philosophische Darstellung zu Tierrechten lassen sich von rechts vielleicht ergiebiger lesen als von links. Die meisten politischen Fragen der Zukunft werden damit zusammenhängen. Insofern sich der Konservatismus allzu oft in wirtschaftsliberale Gefangenschaft begab, sollte er das Allernächste, die Lebensbedingungen des Planeten, das Antlitz der Erde also, neu sehen lernen.

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