Versagtes Leben überwinden

Wenige Wochen nach dem World-Trade-Center-Attentat erschien Alice Sebolds Roman „The lovely Bones“. In einem Moment also, in dem tausende Amerikaner unvorbereitet Angehörige, Freunde und Liebste über Nacht verloren hatten und ein Großteil der Welt an diesem Verlust Anteil nahm.

Sebolds Mystery-Thriller über eine 14jährige Ich-Erzählerin, die – aus dem Jenseits – von ihrer Ermordung berichtet, traf da ohne Abstrich den Zeitschmerz. Und daß die junge Heldin, Susie Salmon, wegen all ihrer ungelebten Jahre die Welt nicht loslassen kann, in einer Zwischenwelt verharren muß – das spiegelte die unverarbeitete Präsenz der Opfer vom 11. September 2001 in der Psyche der Hinterbliebenen.

Jetzt hat Peter Jackson „The lovely Bones“ (deutscher Titel: „In meinem Himmel“) verfilmt. Alle Werken des neuseeländischen Regisseurs, ob Splatterstreifen wie „Bad Taste“, „Braindead“, das Melodram „Heavently Creatures“ oder die Kolossalfilme „Lord of the Rings“ und „King Kong“ zeigen die Emanzipationsversuche junger Menschen, ihre Lösung von lebenserstickender Bindung. Dieses Thema hat in „The lovely Bones“ schärfste Zuspitzung gefunden: Hier geht es nicht mehr um Befreiung von familiären oder sozialen Strukturen, sondern um das Loslassen eines noch ungelebten Lebens. Was könnte schwerer sein? Schon der Gedanke läßt schaudern.

Mischwelt aus kosmischen Panoramen

Wie stellt ein Film, der kein explizit „religiöser“ sein möchte, ein (heute noch vorstellbares) Jenseits oder eine Zwischenwelt dar? Zumal zeitgeistprägende Neurobiologen kaum an seelischen Fortbestand nach dem Tode glauben. Auswege weisen da nur Parapsychologie und Quantenphysik. Letztere spekuliert beispielsweise über postmortales Fortbestehen in einer Parallelwelt. Vor diesem Hintergrund läßt sich auch Jacksons surreale Jenseitsvision deuten: Seine Heldin irrt durch eine Mischwelt aus kosmischen Panoramen, in denen sich das Diesseits verfremdet wiederspiegelt. Umgekehrt  beeinflußt diese Zwischenwelt – und die Heldin in ihr – auch das Irdische, inspiriert die Intuition der Diesseitigen. So daß Susie (Soairse Ronan) ihrem Vater und der Schwester beim Aufspüren des Mörders indirekt behilflich ist.

Auf der anderen Seite zeigt „The lovely Bones“ die unterschiedliche Trauerarbeit der Hinterbliebenen. Der Vater und die Schwester kompensieren ihre Verzweiflung in der Suche nach dem Täter, die Mutter (Rachel Weisz) konserviert das Zimmer ihrer verstorbenen Tochter als Museum, verläßt das Haus und ertränkt ihren Schrecken in Plantagenarbeit. Lediglich die verblödete Großmutter (Susan Sarandon) überwindet den Schock schnell und gründlich. Soweit, so überzeugend.

Identifikation ersetzt kein eigenes Erleben

INur bei Susies jenseitiger Entwicklung, beim gelingenden Loslassen, neigt der Film zur Simplifizierung: Nachdem die Ermordete auf Rache verzichtet, sich nicht länger mit Haßgefühlen quält, ist sie noch mit einer ungelebten Liebe zum Mitschüler Ray Singh (Reece Ritchie) belastet, einer Beziehung, die kurz vor ihrem Tod erst vorsichtig begann. Der zurückgelassene Ray scheint zunächst untröstlich. Als er aber, am Ende des Films, seine Trauer überwindet und sich der medial begabten Ruth zuwendet – da wird auch Susie befreit.

In der ersten Liebesnacht zwischen Ray und Ruth spürt sie im Jenseits all die Lust ihrer Nachfolgerin, erfährt sie durch Identifikation, was ihr das Leben verwehrte. Jetzt ist sie bereit, aus der Zwischenwelt in „ihren Himmel“ aufzusteigen. – Leider ersetzt pure Identifikation aber kein eigenes Erleben. Sonst böten Kinobesuche, DVDs und Internet ausreichend Seelentrost; tun sie aber nicht – nicht mal mit einem Film von Peter Jackson.

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