Tot und Verschollen

„Nicht ohne Frohlocken skizzierte Konjew ein Bild von diesem letzten Debakel der Deutschen: Da sie sich nicht ergeben hatten, wurden achtzig- wenn nicht hunderttausend Deutsche auf engem Raum zusammengedrängt; dann vernichteten Panzer ihr schweres Material und die Maschinengewehrnester, während die Kosakenkavallerie ihnen den Rest gab: ‘Wir haben die Kosaken säbeln lassen, solange sie wollten. Sie haben sogar denen die Hände abgehackt, die die Arme hoben, um sich zu ergeben!’, erzählte der Marschall mit einem Lächeln.“

So wie hier Sowjetmarschall Konjew gegenüber Milovan Djilas den Abschluß der Schlacht im ukrainischen Korsun im Frühjahr 1944 schildert, geriet an vielen Orten in der Sowjetunion die Schlacht zum Schlachten an den besiegten deutschen Soldaten. Ab 1944 gab es einen gewaltigen Sprung in der Zahl, aber schon von Anfang an war es beim Rußlandfeldzug vorgekommen, daß versprengte deutsche Abteilungen bis zur Kompaniestärke, denen zwischen den Fronten die Munition ausgegangen war, bis zum letzten Mann getötet wurden.

In den Zusammenbruchsphasen ab dem Frühjahr 1944 häuften sich dann diese Vorfälle. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt beziffert die Zahl der dabei ab diesem Zeitraum bis Kriegsende verschollenen deutschen Soldaten auf etwa 1,1 Millionen Personen, wobei als verschollen solche gelten, die von der deutschen Seite nicht mehr als getötet, gefangen oder vermißt erfaßt werden konnten, es aber auch nicht bis zur Registrierung als Kriegsgefangene in der UdSSR schafften, sondern im Zusammenbruch irgendwie starben oder eben ermordet und verscharrt wurden.

„Anti-sowjetischen Diskurs“ aufbrechen

Um die Aufarbeitung solcher Gemetzel kümmert sich die Bundesrepublik praktisch nur im Rahmen von Kriegsgräberfürsorge. Historisch oder gar strafrechtlich hat dieser millionenfache Tod gar nicht stattgefunden, sind diese Toten auch aus dem Gedächtnis verschollen.

Das muß man wissen, um Produkte deutscher Zeitgeschichte wie das jüngste von Elke Scherstjanoi richtig einzuordnen: „Wege in die Kriegsgefangenschaft“, im Dietz-Verlag erschienen, versammelt 47 Nachkriegsaussagen von deutschen Kriegsgefangenen, mit denen die am Institut für Zeitgeschichte tätige Autorin allen Ernstes einen von ihr beobachteten „anti-sowjetischen Diskurs“ aufbrechen will.

So schlimm seien sie gar nicht gewesen, die Rotarmisten, lautet der Tenor, ganz im Gegenteil menschlich, was sie dann beiläufig mit dem negativen Bild kontrastiert, das man sich seit den Reemtsma-Ausstellungen von den deutschen Streitkräften macht. Mit wissenschaftlicher Aufarbeitung von Verbrechen der Roten Armee hat dies nichts zu tun, auch die bleibt bis auf weiteres verschollen, irgendwo zwischen Eifer und Unwissenheit.

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