Selbsthilfe in der Weltenpsychiatrie

Als Sergio Romano in seinem „Brief an einen jüdischen Freund“ (1997) riet, die Shoa – jenseits historischen Eingestehens und Betrauerns – nicht metapolitisch und metaphysisch zu überhöhen, argumentierte er auf politischer Ebene. Das setzt jedoch seelische Souveränität auf beiden Seiten voraus, auf jüdischer wie nichtjüdischer. Die aber ist nicht vorhanden, beide sind im Würgegriff eines Traumas. Über das deutsche Schuldtrauma bis in die dritte Generation ist schon viel gesagt worden.

Deren extremste Ausformung findet sich in nationalmasochistischen Selbstzerstörungsphantasien wie den „Bomber-Harris, do it again!“-Ausrufen, in einem destruktiven Negativ-Nationalismus, der dem Bekämpften seltsam nah kommt. Wer diese Traumatisierung als Resultat von „Umerziehung“ deutet, vergißt, daß sie auch NS-Opfer und deren Nachkommen befallen hat.

Deshalb ist die Phantasie, es läge in der Macht der Politik, einen „Schlußstrich zu ziehen“, komplett illusorisch. Kollektive Traumata ähneln den individuellen, das heißt, sie lassen sich ihre Dauer nicht vorschreiben. Auch wer sich auf Therapie einläßt – ein langer, schmerzhafter Prozeß –, kann keine Behandlungsdauer kalkulieren. Ein Wegdrängen mag kurzfristig Erleichterung bieten, die sich jedoch nicht mit Therapie-Erfolg verwechseln läßt. Ein Beispiel auf politischer Ebene bietet die fast hundertjährige Leugnung des Armenien-Massakers durch türkische Politiker. Auch nach dem Libanon-Krieg fördert(e) Beirut das Vergessen, aber es half und hilft nichts: Die Toten kehren immer wieder ins Bewußtsein zurück.

Identifikation mit dem Aggressor

Wie aber die Qual behandeln? Vergleicht man die Welt mit einer gigantischen Psychiatrie – und man hat allen Grund, das zu tun! – , sollte man nicht länger auf einen allmächtigen Psychiater hoffen, statt dessen könnten die Patienten beginnen, sich gegenseitig zu helfen. Das setzt aber gegenseitiges Eingeständnis des Patientenstatus‘ und die wechselseitige Anerkennung der jeweils anderen Erb-Qual voraus.

Wer Beispiele für das jüdische Trauma sucht, braucht  nur den Zeitungsbericht über jenen jungen Israeli zu lesen, der heranwachsenden Landsleuten vorschlug, die KZ-Nummern aussterbender Vorfahren zu „übernehmen“ und sich selbst in die Haut zu tätowieren. Auf daß deren Qual nie vergessen werde. Zum Glück fand sein Vorschlag keinen Anklang.

Ein anderes Beispiel: Vor Jahren veranstaltete eine junge Israelin in zahlreichen Berliner Szeneclubs ihre Doktor-Mengele-Performance. Bei der trat sie im Arztkittel auf und sezierte – mit Hilfe von Spezialeffekten – ihren Spielpartner, der das Opfer gab. Auf die Frage, warum sie die Untaten des SS-Arztes nachstelle, erklärte sie: Ihr Großvater, ein Überlebender von Auschwitz, habe ihr früher von seiner KZ-Tortur berichtet, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Das habe ihr zunächst furchtbare Angst bereitet, die irgendwann in Faszination für die Nazi-Täter umschlug. Identifikation mit dem Aggressor nennt man das. Ihr Rollenspiel mit dem berüchtigten Mengele war folglich Indikator für eigene, verdrängte Angst vor einem Horror, den sie selbst – Jahrgang 1979 – nie erlebt hat.

Fundamentale Gemeinsamkeit

Oder: Eine israelische Schauspielerin vergeht vor Rührung, wenn sie das Horst-Wessel-Lied hört; eine Brüsseler Jüdin (geboren 1974) träumt nachts, daß die Nazis ihre Heimatstadt besetzen und sie sich verstecken müsse. Immerhin wird sie im Traum nicht aufgespürt. All diese Beispiele dürften genügen, um generationsübergreifendes Trauma auch auf der Opferseite zu demonstrieren. Der Einwand, hier handele es sich um extreme Ausformungen, ist nichtig. Denn nur, was bereits vorhanden ist, kann sich derart zuspitzen. So wie hiesige National-Masochisten „extreme“ Indikatoren des deutschen Schuld-Traumas abgeben.

Schon 1886 offerierte der Berliner Philosoph Fritz Mauthner eine deutsch-jüdische Synthese, indem er in seinem Roman „Der neue Ahasver“ den wandernden Titelhelden auf den rastlosen Wotan treffen ließ. Beide erfahren dabei ihre fundamentale Gemeinsamkeit. Heute, fast 125 Jahre später, ist diese Verbindung noch dringlicher geworden. Schließlich sind beide tief traumatisiert durch eine „untote“ Vergangenheit. Und jeder hat genug Sensibilität, die traumatischen Symptome des jeweils anderen zu erkennen und ins Bewußtsein zu rufen.

Dazu ein abschließendes Beispiel. Als die bereits erwähnte Brüsseler Jüdin vor zehn Jahren über den Berliner Alexanderplatz spazierte, fragte sie: „Ihr Deutschen fühlt euch noch schuldig für die NS-Zeit?“ – „Ja. Woran merkst du das?“ „Nur ein Volk, das sich haßt, pflanzt sich solch häßliche Bauwerke ins Zentrum“, erklärte sie.

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