Rolf Schilling zum sechzigsten Geburtstag

Gemäß der antiken Gliederung des Lebensalters in Jahrsiebende steht er derzeit in der neunten, dem Jupiter entsprechenden, und nähert sich allmählich der saturnischen Phase; nach unserer (wenig organischen) Gliederung des Lebens in Zehnerschritte hatte er am vergangenen Sonntag einen wichtigen runden Geburtstag: Der Dichter Rolf Schilling wurde am 11. April sechzig Jahre alt.

Wie fast sein gesamtes bisheriges Leben verbrachte der 1950 in Nordhausen am Harz geborene Lyriker auch diesen Tag in seiner Thüringer Heimat, und wie selbstverständlich nahm die Presse keinerlei Notiz von ihm.

Die Zurückgezogenheit war sowohl zu DDR-Zeiten als auch seit der Wende, die ihm – obgleich in seinen Tagebüchern genau reflektiert – äußerlich nicht viel zu bedeuten scheint, bestimmendes Merkmal seiner dichterischen Existenz. Obwohl sein Werk in den neunziger Jahren auch in größeren Medien beachtet wurde und er nicht nur mit so herausragenden Persönlichkeiten wie Ernst Jünger, Leni Riefenstahl und Arno Breker in langjährigem, freundschaftlichem Austausch stand, sondern auch über mancherlei Medienkontakte verfügte, hat er doch nie auf einen Platz im Kulturbetrieb hingearbeitet, ja nicht einmal die Rolle des, ihm oft zugeschriebenen, von der Masse unbeachteten Dichter-Propheten angestrebt – die Klischees künstlerischer Selbstinszenierung sind ihm schlicht egal.

Briefwechsel mit prominenten wie mit namenlosen Freunden

Er durchstreift lieber den Harz und die heimatliche „Goldene Aue“, hält seine Erlebnisse in Gedichten, Essays und Tagebüchern fest, pflegt weitgespannte Briefwechsel mit prominenten wie mit namenlosen Freunden und führt, trotz seiner Bevorzugung von Wald und hortus conclusus, ein geselliges Leben in Familie und Freundeskreis. Dessen jährliche Versammlung an herausgehobenen Orten ist seit rund dreißig Jahren, allen Wechselfällen zum Trotz, so etwas wie eine Schillingsche Tradition; waren es früher mittelalterliche Städte oder Orte wie Nietzsches Grab in Röcken, die er den Bewohnern des „Holden Reiches“ – seiner persönlichen Schöpfung eines „Geheimen Deutschland“ – erfahrbar machen wollte, so sind es nun, seit er sich von jedem noch so metapolitischen Bestreben abgewandt hat, verborgene und unbekannte Stätten, die er aufsucht.

An erster Stelle ist hier sicher die Queste zu nennen, die auf einem Felsen hoch über dem thüringischen Questenberg aufragt, ein in dieser Form einzigartiges (mutmaßliches) Relikt vorchristlichen Sonnenkultes und zentrales Symbol von Schillings esoterisch-mythologischer Dichtung, deren Sprachgewalt und Ausdruckskraft kein anderes lyrisches Werk seit den Tagen Rilkes, Georges oder Benns an die Seite zu stellen ist.

Am Rande sei angemerkt, daß Schillings Bezugnahme auf solche urtümlichen Symbole sowohl von völkischer Ideologie als auch vom harmlosen Freizeitheidentum der Met-Trinker weit entfernt ist, wie der (einer Vorliebe für „braune Esoterik“ unverdächtige) Autor und Filmemacher Rüdiger Sünner in seinem Buch über die „Schwarze Sonne“ hervorgehoben hat.

Die dichterische Arbeit ging unermüdlich weiter

Zwar hat auch die einmal jährlich stattfindende „Questenwanderung“ im Laufe der Zeit ihre „Initiationsrituale“ ausgebildet, aber diese werden – anders als aufgrund des Pathos vieler Gedichte und besonders seiner frühen Essays zu erwarten – auf eine eher ironische Weise gepflegt.

Da die zehn Bände umfassende, zwischen 1990 und 1997 von Schillings damals engstem Freund Uwe Lammla im Arnshaugk Verlag veranstaltete Gesamtausgabe nicht mehr weitergeführt wurde, seit der Meister und sein einstiger „Lieblingsjünger“ getrennte Wege gehen, könnte der Eindruck entstanden sein, daß Schillings schöpferische Phase längst hinter ihm läge, während Lammla seit einigen Jahren eine um so stärkere Produktivität entfaltet.

Dies ist jedoch keineswegs der Fall: Die dichterische Arbeit ging im Stillen unermüdlich weiter, und Schilling hat sich, zusätzlich zu seinem „heimischen“ Kosmos, der sich aus germanischer und griechischer Mythologie, deutschem Mittelalter und literarischer Moderne speist, neue Symbolwelten – vor allem die indische und chinesische – erschlossen.

Wenn in absehbarer Zeit Teile dieses unbekannten Werkes das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden, könnte es von Schilling wie vom „Lingaraja“ beziehungsweise Shiwa, den er in einem noch unpublizierten Gedicht besingt, heißen: „Rasch wie er schwand ist er da.“

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