Neue Bescheidenheit

Eigentlich sehe ich nie fern. Sehr selten, etwa wenn ich in einem Hotel übernachte oder jemanden besuche, der einen Fernseher hat, kann es aber doch vorkommen, und ich wundere mich dann immer über diese komischen Gerichtssendungen oder Talkshows mit schreienden Jugendlichen.

Was politische Dinge betrifft, glaube ich, daß einem gerade die Fernseh-Abstinenz eine gesunde Distanz verschafft – nicht so sehr, weil man dadurch der Indoktrination entgehen würde (die gibt es in anderen Medien schließlich genauso), sondern weil man sich weniger an Politiker und ihre Äußerungen gewöhnt, wenn man sie nicht jeden Tag „live“ in sein Wohnzimmer läßt. Heute soll es aber um etwas anderes gehen, nämlich um „Wunscherfüllung“ und „neue Bescheidenheit“.

Kürzlich war wieder so ein Fernsehabend, genauer gesagt, eine Fernsehnacht zu ziemlich vorgerückter Stunde – sozusagen „Fernsehen danach“ (ich rauche ja schließlich nicht), und wir blieben beim Herumzappen an der Sendung „Endlich wieder Arbeit“, einem neuen, seit dem 18. April ausgestrahlten „Format“ mit dem „Bewerbungscoach“ Jürgen Hesse, hängen.

Medientraum vom schnellen, großen Glück

Daß das Fernsehen bestrebt ist, Wünsche zu erfüllen, ist hinlänglich bekannt; im nostalgischen Erinnerungsschwelgen an Quiz-Klassiker wie „Der große Preis“ und „Einer wird gewinnen“ spürt man noch die atemlose Spannung kribbeln, die besonders im ersteren herrschte, wenn die Prüflinge mit Schweißperlen auf der Stirn in ufo-artigen Kugeln saßen, Fragen aus ihrem „Spezialgebiet“ beantworten mußten und die Uhr tickte; später kamen neue Shows auf, Günter Jauch wurde durch „Wer wird Millionär?“ in den Augen von Millionen zum klügsten Mann Deutschlands.

Es geht um immer größere Reichtümer, um mögliche Karrieren als „Superstar“ und „Supermodel“, und Dieter Bohlens Haifischbecken ist natürlich tausendmal schlimmer als Wim Thoelkes Kandidatenzelle – nun aber wird dieser ganze Medientraum vom schnellen, großen Glück in einer Jobcoaching-Serie auf Prekariatsalltagsmaß heruntergebrochen.

„Wir werden nach Köln ziehen, und es wird einfach total schön“, freut sich die dreißigjährige Sandra aus dem hessischen Frankenberg und ist überglücklich, daß sie dank Jürgen Hesses Hilfe nach fünf Jahren endlich wieder einen Job – als Servicekraft an der Theke eines Fitneßcenters – gefunden hat.

Keine irrelevanten Probleme 

Für ihren Freund Mirko sieht es zunächst noch düster aus, aber aufgrund des intensiven Coachings findet auch er „endlich wieder Arbeit“ als Objektschützer bei einem Sicherheitsdienst: 7,33 Euro die Stunde – „das ist nicht die Welt“, sagt ihm sein künftiger Chef, ein beleibter, schnauzbärtiger Herr in schwarzem Blouson mit dickem weißem „Security“-Schriftzug auf dem Rücken, aber „branchenüblich“. Und vor allem ist es auch ein Liebes-Happy-End: Sandras und Mirkos kriselnde Beziehung ist gerettet, und die kleine Maya behält eine richtige Familie.

Keineswegs sind diese Probleme irrelevant; für Millionen Menschen in Deutschland haben sie einen konkreten, ihren ganzen Alltag prägenden bzw. sehr einschränkenden Charakter, und doch ist verblüffend, wie schlicht das Konzept dieser Sendung ist: Kein aufgeputschter Kult um Geldgier und Möchtegern-Starallüren, auch keine Rosamunde-Pilcher-Geschichte, in der Sandra die Magd wäre, die am Ende den Grafen Mirko heiratet und aus dem Gesindehaus ins Schloß zieht (oder Mirko wäre der arme Försterssohn und Sandra die Grafentochter), sondern das Glück besteht aus Job und finanzierbarer Wohnung.

Sehr bescheidenes, realistisches Glück

Beruhen schon die „Superstar“-Formate auf dem Prinzip, jeden zu einem potentiellen Star zu erklären, damit sich jeder zu Hause vor dem Fernseher als Star imaginieren kann, so wird hier gänzlich auf die Star-Fiktion verzichtet, und jedermann darf sich auf dem Sofa darüber freuen, wie es für ihn in Gestalt eines anderen Jedermann „einfach total schön“ wird. Man sieht sich selber stundenlang beim Glückhaben zu, und die Identifikation ist um so leichter möglich, als es sich um ein sehr bescheidenes, realistisches Glück handelt.

Trotz meiner Mitfreude bleibt „Fernsehen danach“ übrigens eine Ausnahme, wie den Leserinnen dieser Kolumne abschließend versichert sein soll. Aber zum Glück lesen hier ja nur wenige Frauen mit …

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