Karrierekiller und die Moral

Früher war es von Vorteil, wenn man Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung war. Bei manch einem großen börsennotierten Unternehmen war es fast Pflicht, wenn man Zugang zur Vorstandsetage haben wollte. Zumindest nützlich war es immer für den Lebenslauf. Heutzutage, so scheint es, kann einen die Mitgliedschaft in einer Verbindung die Karriere kosten – zumindest in der Hamburger Bürgerschaft.

Bemerkenswert war es, wie schnell der designierte Erste Bürgermeister von Hamburg, Christoph Ahlhaus (CDU), sich von der Heidelberger Turnerschaft Ghibellinia distanzierte und wie schnell er zu dem Entschluß kam, nicht mehr den Gaststatus seiner Studentenverbindung innehaben zu wollen. Immerhin hatte er bestimmt auf dem Verbindungshaus mit seinen Studienkollegen und Freunden schöne Stunden verlebt.

Warum werfe ich der Karriere wegen etwas über Bord, obwohl ich es eigentlich noch befürworte oder bisher befürwortet habe? Bei Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) war das nicht anders; auch er ist der Karriere wegen aus seiner Landsmannschaft Troglodytia ausgetreten.

Kein Mensch hätte sich darum gekümmert

Kann man Menschen vertrauen, die illoyal gegenüber Institutionen, gegenüber Menschen, gegenüber Freunden sind, nur um des beruflichen Fortkommens willens? Und was wäre geschehen, wenn sie zu ihrer Verbindung gestanden hätten? Wahrscheinlich gar nichts. Der intolerante und teilweise undemokratische Mob wäre weitergezogen und kein Mensch hätte sich darum gekümmert.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Online-Umfrage des Hamburger Abendblatts: „Der designierte Bürgermeister Christoph Ahlhaus ist Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung. Halten Sie das für problematisch?“. Bis zum heutigen Tag hatten über 3.100 Personen abgestimmt und 97 Prozent finden es nicht problematisch, in einer schlagenden Studentenverbindung zu sein!

Ein anderer Politiker, über den diskutiert wurde, ist Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Dieser ist nicht zu beneiden – Morddrohungen von irgendwelchen Verrückten, Beschimpfungen auf der Straße und nahezu alle Medien trommeln gegen ihn. In der Bild wurde zuletzt die scheinheilige Frage gestellt, warum er nicht zurücktritt?

Niemand möchte auf seine Pension verzichten

Zugunsten Sauerlands kann man feststellen: Wir wissen alle noch nicht, ob Sauerland Mitschuld trägt. Sauerland selber sagte, wenn alles aufgeklärt sei, möchte er entscheiden – lassen wir ihm die Zeit. Wenn es stimmt, daß Sauerland zunächst alles aufklären möchte, ist dies doch höchst anerkennenswert. Aber natürlich geht es auch um seinen Pensionsanspruch in Höhe von etwa 3.500 Euro.

Kein Mensch, der bei Verstand ist, würde dann zurücktreten. Und selbst wenn ich der anständigste Mensch der Welt wäre, möchte ich trotzdem nicht auf meine Pension verzichten! Und das möchte niemand, auch nicht die Menschen oder Medien, die Sauerland das vorwerfen!

Ahlhaus und Sauerland, beide sind Politiker. Ahlhaus distanziert sich sofort wegen der Kampagne gegen ihn, Sauerland sitzt die Kampagne gegen sich aus. Politiker sind Menschen. Sie werden meist das tun, was ihnen nützt. 

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