Gesetz des Waldes

„Nachhaltigkeit“ ist heute ein Kernbegriff des ökologischen Denkens und hat das esoterisch geprägte Schlagwort von der „Ganzheitlichkeit“ verdrängt, worin sich eventuell ein Paradigmenwechsel von einer eher ideologischen zu einer pragmatischen Auffassung zeigt.

Jüngst hat Ulrich Grober in seiner „Entdeckung der Nachhaltigkeit“ die Herkunft und Geschichte dieses ursprünglich aus dem forstwirtschaftlichen Diskurs stammenden Begriffs dargelegt: 1713 sprach der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der Sache nach an die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Forstordnungen anknüpfend, von einer „beständigen und nachhaltenden Nutzung“ der Wälder, was Georg Ludwig Hartig Ende des 18. Jahrhunderts in seiner „Anweisung zur Holzzucht für Förster“ dahingehend präzisierte, daß jede Holzentnahme durch eine vorausschauende Neuanpflanzung ausgeglichen werden müsse, um „dem Wald eine ewige Dauer“ zu verschaffen. Wenige Jahre später findet sich der Begriff der Nachhaltigkeit explizit in Hartigs „Anweisung zur Taxation der Forste oder zur Bestimmung des Holzertrags der Wälder“ (1804).

Im 20. Jahrhundert wurde das Nachhaltigkeitsdenken etwa von Alfred Möller in „Der Wald als Organismus“ (1923) philosophisch gefaßt und besonders von Franz Heske, dem Begründer der „Weltforstwirtschaft“, zu einer universalen „Organik“ ausgeweitet – im englischen Sprachraum setzte sich der Begriff „Sustainability“ erst in den letzten Jahrzehnten in Anlehnung an den deutschen Sprachgebrauch durch.

Mahnung zur Nachhaltigkeit Ausdruck von Krisenbewußtsein

Der im Mittelalter als bedrohliche Wildnis empfundene Wald war in vielen Regionen zu Beginn der Neuzeit durch intensive Rodung und Bergbau so gefährdet, daß die Mahnung zur Nachhaltigkeit schon damals als Ausdruck eines Krisenbewußtseins anzusehen ist, als Gegenwurf zum modernen Fortschritts- und Bemächtigungsbestreben. Diese Ambivalenz durchzieht das Zeitalter der Aufklärung, das die Emanzipation des Menschen nicht nur von althergebrachten Traditionen, sondern auch von den ihn umgreifenden Naturzusammenhängen einleitete, zugleich aber die sentimentale Verklärung des „einfachen Lebens“ oder der „Wilden“ hervorbrachte.

Und dennoch ist der Austritt des Menschen aus dem reinen Geschehen der Natur nicht erst ein Symptom der Moderne, sondern ein Kennzeichen des Menschseins überhaupt. Indem sich bereits der früheste Mensch mit Artefakten umgibt und seinem Dasein in Raum und Zeit ordnend und planend gegenübertritt, schafft er Kultur als „zweite Natur“ und löst sich von der ersten. Somit ist das in Religion und Kultus beschriebene oder vollzogene „Mitschwingen“ mit den Naturrhythmen gerade kein Ausdruck der Eingelassenheit in diese, sondern symbolische „Heimkehr“ und – durch Opfer vollzogene – „Wiedergutmachung“; rituelle Wiederherstellung einer immer schon „verlorenen Ganzheit“.

Zyklisches versus lineares Denken

Austritt aus der alten und Herstellung einer neuen „Natur“ sind Aspekte der existenziellen Verfassung des Menschen und folgen aus dem Bewußtsein seiner Endlichkeit: Da der Mensch um seinen Tod weiß, ist sein Zeitbewußtsein nicht mehr (nur) zyklisch, sondern (auch) linear, und beide Zeitkonzepte – kosmische Wiederkehr und individuelles Vorlaufen in den Tod – treten in einen Gegensatz. Das Fortschrittsstreben ist die Negation des unweigerlichen Verlöschens, der ewige und ewig zum Scheitern verurteilte Versuch, dem Zerfall Bau und dauerndes Werk entgegenzusetzen.

Zwar hat der Mensch jahrzehntausendelang nachhaltig gelebt, der Natur nicht mehr entnommen, als sie wieder produzierte, aber die Tendenz zum irreversiblen Ressourcenverbrauch ist in seiner Freiheit und Selbständigkeit bereits angelegt. Es ist fraglich, ob ein gänzlich nachhaltiger Lebensstil, wie er vielfach gefordert wird, heute überhaupt noch möglich ist, zumal unter Lebensbedingungen, die den Verzicht auf vielerlei Konsumgüter und erst recht auf Kommunikations- und Fortbewegungsmittel kaum noch erlauben.

Die Förderung von Nachhaltigkeit kann – und sollte – somit in einer Gegensteuerung zur Vernutzung der Erde bestehen, nicht aber eine Rückkehr zu einem fiktiven Urzustand propagieren.

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