George Grosz und der deutsche Michel

Am vergangenen Sonntag habe ich mir in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz eine Ausstellung zu George Grosz (1893 – 1959) angesehen. Seine Collagen und Zeichnungen sind professionell, aber politisch eindimensional. Ab einem bestimmten Punkt hat man von den schweinsköpfigen und stiernackigen Militärs, die er bevorzugt malte, genug. Für ihre Rolle als doppelt Geschlagene – zuerst durch die militärische Übermacht, dann durch den Versailler Vertrag, in deren Gefolge sie demobilisiert und gesellschaftlich und sozial herabgesetzt wurden – hatte er kein Empfinden. Grosz gehört zu den linken Künstlern und Publizisten, die das Elend der Weimarer Republik nur verschlimmert haben.
 
Zum Glück waren auch Arbeiten aus seiner Frühzeit ausgestellt, die ich nicht kannte. Sie waren erst 1984 im Keller eines Berliner Wohnhauses gefunden worden. Eines der Bilder heißt „Der dumme deutsche Michel“.  Es ist alles darin: die Biederkeit, der Betroffenheitsblick, die Lebensfurcht, aber auch der feste Wille, sein Schicksal zu meistern. Doch leider bleiben dessen Voraussetzungen unerkannt, weil die Furcht wiederum die Erkenntnis blockiert. Es ist ein Elend! Als Summe ergibt sich infantile Enttäuschung.

In einer modernen Version müßte man noch Spuren von Feistheit andeuten, die von der Fettlebe nach dem Wirtschaftswunder herrührt, zugleich aber auch die Erschlaffung und die Spuren beginnender Verwahrlosung, weil es damit nun vorbei ist. „Immer hab’ ich CDU gewählt und an die Maastrichter Stabilitätskriterien geglaubt – und jetzt wird mein Geld trotzdem weich!“, kommentierte ich das Bild. Mein Begleiter, der politisch konträr zu mir steht, prustete los.

Die Eurokrise als Lebenskrise

Die Eurokrise ist für den deutschen Nachkriegs-Michel eine Lebenskrise. Jahrzehntelang wähnte er sich als Mittelpunkt eines großen internationalen Freundeskreises. Nichts als Freunde überall, eine große postnationale Menschengemeinschaft! Sämtliche Runden hat er geschmissen, hat Schmeicheleien eingeheimst und sie für Freundschafts- und Treueschwüre gehalten. So wurden die materiellen Kosten durch den moralischen Mehrwert mehr als kompensiert.

Jetzt ist nicht nur sein Portemonnaie leer. Dummerweise hat er den Trinkbrüdern seine EC-Karte samt PIN-Nummer anvertraut, und sie haben seine Konten leergeräumt. Schüchtern deutet er an, nicht mehr zahlen zu können – und eigentlich auch nicht mehr zu wollen –, und die Augen der Freunde werden schmal: Dann nimmst du halt eine Hypothek auf Omas Häuschen auf. Oder bist du etwa immer noch ein – Nazi?

Konzentration unkontrollierbarer Macht

Es war eine Illusion zu glauben, auf das gesunde Mißtrauen, das Politik genannt wird, verzichten zu können, weil die eigene starke Ökonomie und Währung das politische Schicksal ersetzen würden. Die einzige Konsequenz, die sich aus dem Desaster abzeichnet, ist eine noch größere Konzentration unkontrollierbarer Macht bei den Versagern in Brüssel. Der Europäische Währungsfond wird zum europäischen Finanzausgleich und damit zu weiteren Vermögensverlusten in Deutschland führen. Griechenland erhält Geld, verbunden mit der Verpflichtung, künftig freundlich zur Türkei zu sein und sich ihrem Beitritt nicht in den Weg zu stellen. Von Merkel und Schäuble hat Michel nichts Gegenteiliges zu erwarten.

Übrigens: Mir fehlt ein George Grosz, der auch die modernen deutschen Funktionseliten so zeichnet, wie sie es verdienen.

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