Die Schweinegrippe als Medieninfektion

Vor etwas über einem Jahr, am 24. April 2009, meldete die Nachrichtenagentur dpa den ersten Fall von Schweinegrippe: „Ein in Mexiko grassierendes gefährliches Grippevirus hat die internationalen Gesundheitsbehörden alarmiert“, hieß es. Fünf Tage später wurde der erste Fall in Deutschland bekannt. 

Schnell kursierten die wildesten Gerüchte über die Krankheit. Behörden gaben widersprüchliche Informationen über den Verlauf und mögliche Impfstoffe aus, und die Presse machte großteils auf Alarm: Sensation ging vor Recherche. 

Spätestens als die Weltgesundheitsorganisation WHO im Juni Pandemie-Alarm auslöste, war das Schreckensszenario ausgemalt: Milliarden Kranke weltweit, Millionen Tote. Sogar ernstzunehmende Zeitungen waren davon überzeugt. Es hieß, jeden könne es treffen. Sogar gesunde junge Menschen könnten sterben. Und die Risikogruppen – also chronisch Kranke, Schwangere und Kleinstkinder – hätten so wie keine Chance zu überleben. 

Jede Erkältung war härter als dieses angebliche Todesvirus 

Nun, ich lebe noch. Und das, obwohl ich die Schweinegrippe hatte, als ich im neunten Monat schwanger war. Ehrlich gesagt war jede Erkältung härter als dieses angebliche Todesvirus. Das wissen wir natürlich alle inzwischen. 

Doch vor einem halben Jahr war alles anders. Beinahe jeder machte sich Gedanken über die Grippe. Auch wer sich gegen eine Impfung entschied, wurde insgeheim doch ein wenig unsicher, wenn er im Nahverkehr einem niesenden und hustenden Mitfahrer gegenüber saß. 

Als mich mein Hausarzt eines Morgens im Dezember anrief, um mir den H1N1-Befund mitzuteilen, war er voller Anteilnahme – ja, beinahe erschüttert: Es tue ihm wirklich leid, sagte er – als wenn ich bald sterben würde. 

Bald wurde ich überall wie eine Leprakranke behandelt: Beim Arzt mußte ich mit einem Mundschutz vor der Praxis sitzen, bis die Arzthelferinnen mich schnell durch einen Hintereingang ins Arztzimmer schleusten. Als ich ging, wurde alles was ich angefaßt hatte – ja, sogar die Türklinken – desinfiziert. 

Die Sensation liegt also darin, daß es keine gab 

Heute spricht keiner mehr von H1N1, weil diese milder und harmloser als die meisten normalen Grippeepidemien verlaufen ist: Bis Mitte April 2010 wurden insgesamt 226.137 Fälle aus Deutschland gemeldet. Statt Millionen starben offiziell 253 Menschen an der Erkrankung. 

Die Sensation der Schweinegrippe liegt also darin, daß es eben keine Sensation gab. Und das, obwohl Medien, Wissenschaft und Politik eine Apokalypse prophezeiten. Kein Wunder also, daß in der Presse nun eher peinlich berührtes Schweigen anläßlich des Schweinegrippen-Jahrestages herrschte.

Und auch seitens der Politik verhielt man sich bewußt leise. Die gigantischen Kosten für die unnötigen Impfstoffe, auf denen Bundes- und Länderregierungen nun sitzen, wären angesichts der Griechenland-Hilfen auch nur schwer zu vermitteln. 

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