Die Death Parade

„The Art of Love“ lautete das Motto der diesjährigen Loveparade in Duisburg, aber mit der „Ars amatoria“, Ovids Ratgeber für gelingende Zweisamkeit, hatte das von Medien und Politik gefeierte und geförderte Massenspektakel nichts zu tun.

Antike Bezüge lassen sich trotzdem herstellen: Von einem Gastmahl des spätrömischen Kinderkaisers Elagabal (204-222 n. Chr. ) wird berichtet, daß einige der Gäste von einer Unmenge Blumen, die der Kaiser auf sie herabregnen ließ, erdrückt worden seien. Auch Elagabal war sicher – in den vorgestanzten Phrasen unseres Bundespräsidenten – ein „fröhlicher junger Mensch“, der „ein friedliches Fest feiern“ und sich – O-Ton Bild-Zeitung – in das „geile Getümmel“ stürzen wollte; und vielleicht gab es damals auch schon kleinliche Bedenkenträger, die von Politikern wie dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland ignoriert wurden.

Schließlich mußte die Veranstaltung „unbedingt“ und wegen der leeren Kassen so kostengünstig wie möglich stattfinden, weshalb an der notwendigen Infrastruktur gespart wurde. Der bei den Planungen störende Polizeipräsident Rolf Cebin hatte Glück, daß der CDU-Kreisvorsitzende Thomas Mahlberg beim damaligen NRW-Innenminister lediglich auf einen „personellen Neuanfang“ hinwirkte; früher hätten ihn seine Hinweise womöglich den Kopf gekostet.

„Brutstätte jeglicher Art des Verderbens“

Elagabal kann man immerhin nicht nachsagen, daß es ihm nur um Kommerz ging; er war ein religiöser Reformer und wollte die altrömische Religion durch den Kult des syrischen Sonnengottes ersetzen, womit er jedoch am Widerstand der konservativen Oberschichten scheiterte.

Jahrhunderte zuvor hatte sich bereits im republikanischen Rom durch die Übernahme der griechischen Dionysien in den von Geheimbünden organisierten Bacchanalien laut Titus Livius „eine Brutstätte jeglicher Art des Verderbens“ gebildet, deren „oberstes Motto“ es sei, „daß es so etwas wie Frevel nicht gebe.“

Und Eva Hermann schrieb damals über die wüsten Raves: „Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen läßt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt.“

Allerdings waren die Machtverhältnisse beim sogenannten Bacchanalienskandal des Jahres 186 v. Chr. doch noch etwas anders – und hier enden die Parallelen (abgesehen davon, daß Eva Hermann in ihrem Beitrag auf Kopp-online einen Bezug zu Sodom und Gomorrha herstellt): Der römische Senat startete eine gewaltige „Säuberungsaktion“, bei der rund 7.000 Menschen festgenommen und zum größten Teil hingerichtet wurden, und unterstellte die Kultbünde einer rigiden Aufsicht.

Raver gelten als „heilig“

Heute hingegen beteiligt sich der Staat an der Organisation der, freilich „religiös entkernten“, Bacchanalien, und seine Vertreter verbreiten nun, nachdem es infolge völlig unzureichender, aber mehr oder minder billigend in Kauf genommener Sicherheitsvorkehrungen zu 20 Toten und rund 500 Verletzten gekommen ist, ihr einstudiertes Betroffenheitsvokabular. Wahrscheinlich war die Love Parade in genau dieser Form „alternativlos“, und bei solchen Zwischenfällen handelt es sich um so etwas wie Kollateralschäden.

Interessanterweise sind die Betroffenheitsphrasen genau dieselben, die von Politik und Medien bei „zivilreligiösen“ Anlässen verwendet werden. Stehen sie sonst jedoch in einem historischen und zumindest dem Anspruch nach reflexiven Kontext, so wird auf den Love (und Gay) Parades ein rein gegenwärtiger, antirationaler Kult zelebriert.

Die pseudoreligiöse Komponente ist gleichwohl unübersehbar, schließlich sind die Raver, worauf André F. Lichtschlag hingewiesen hat, „heilig“; und während nur mediale Außenseiter wie Eva Hermann und Udo Ulfkotte deren Aggressivität und die durchaus militanten Aspekte der Love Parade belegen, wird unbedingt an der heilig-naiven Unschuld der „jungen Menschen“ festgehalten.

Zeigt sich die Dekadenz eines Landes oder einer Kultur nicht auch darin, daß die Öffentlichkeit permanent betäubt und eine hedonistische Messe nach der anderen gefeiert wird?

Rituelle Feste, auch Trance und Ekstase, gehören zwar in jede Gesellschaft, aber solange diese noch stabil und gesund war, hatten Alltag und Feier – als kalkulierter, „gehegter“ Ausbruch – ihre Zeiten und festgelegten Abläufe; heute ist der psychische Ausnahmezustand perpetuiert, zur Normalität erklärt und jeder metaphysischen Dimension entkleidet worden. Übrig geblieben ist ein um sich selbst kreisender, materialistischer Hedonismus mit zivilreligiöser Verbrämung. Und neulich zeigte die Death Parade ihr Gesicht.

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