Autobiographie und Neuronenkur

Im 19. Jahrhundert bildeten Natur- und Geisteswissenschaften zwei voneinander geschiedene Kulturen aus, deren Vertreter oft mit arroganter Herablassung auf die Gegenseite sahen, deren Forschungsergebnisse aber mehr oder weniger ignorierten.

Trotz vielbeschworener Interdisziplinarität – der wissenschaftlichen Variante des „interreligiösen Dialogs“ – findet sich dieses Phänomen auch heute noch: Während Genetiker die biologische Determiniertheit des Menschen behaupten, erklären Genderforscher die Biologie für abgeschafft und sprechen nur noch von soziokulturell bedingten Geschlechterrollen.

Solange man sagen könnte, daß beide denselben Gegenstand lediglich von verschiedenen Seiten aus betrachten und, der jeweiligen Methode entsprechend, andere – physische oder psychische – Facetten oder Schichten wahrnehmen, wäre dies kein Problem, wohl aber, wenn die Ergebnisse einander diametral entgegengesetzt sind.

Ergebnisse objektivierbar machen

Die Möglichkeit einer wechselseitigen Befruchtung im psychotherapeutischen Bereich wurde kürzlich in einem Beitrag des Deutschlandfunks erörtert. Sein Titel „Neuronenkur“ ist zwar etwas mißverständlich und läßt an physiologische Maßnahmen von Psychopharmaka bis hin zu Eingriffen, bei denen eine Depression einfach wegoperiert würde, denken; tatsächlich steht jedoch weiterhin die klassische gesprächsbasierte Therapie im Vordergrund, die lediglich durch neurologische Messungen während ihres Verlaufs ergänzt wird, um die Ergebnisse objektivierbar zu machen.

Erfreulicherweise wird also keinem grobschlächtigen Materialismus das Wort geredet – das Zusammenfallen neurologischer Vorgänge und seelischer Erlebnisse besagt also nicht, daß letztere aus ersteren gänzlich ableitbar wären.

Der Philosoph Henri Bergson hat schon vor hundert Jahren, freilich auf die Ergebnisse der damaligen Hirnforschung gestützt, eine Theorie des Geistes vorgelegt, die dessen unabhängige Existenz und Eigengesetzlichkeit energisch postuliert und dennoch den Zusammenhang mit dem menschlichen Körper – nämlich als Werkzeug – erklärt: Bergson unterschied eine Welt reiner Erinnerungen, die einem „schauenden“ intuitiven Erleben zugänglich ist, vom motorischen Gedächtnis, dessen Aufgabe darin besteht, aufgrund äußerer Reize die jeweils angemessenen Reaktionen vorzubereiten, und sah im Gehirn gleichsam das Ventil, das beide Sphären verbindet.

Ein Stück Vergangenheit will nicht vergehen

In der Erinnerung – dem „kosmischen“ Gedächtnis der durée („Dauer“) bzw. qualitativen Zeitlichkeit – besteht jedes Ereignis in seiner Besonderheit fort, während das körperliche Gedächtnis Ähnliches (also mehr oder weniger Verschiedenes) auf Gleiches reduziert, um es „handhaben“ zu können. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen: Lernen wir ein Gedicht auswendig, bildet die Gesamtfolge aller unterschiedlichen Wiederholungen einen Teil der Dauer unseres Lebens, die wiederum ein Abschnitt der Dauer überhaupt ist, während die einzelne Wiederholung des mit sich identischen Textes vom motorischen Gedächtnis gesteuert wird.

Die Untersuchungen von Frank Neuner vom Psychologischen Institut der Universität Bielefeld scheinen diese Betrachtungen Bergsons am Beispiel posttraumatischer Belastungsstörungen zu bestätigen: Der Traumapatient ist nicht mehr in der Lage, ein bestimmtes Erinnerungsbild in seine Biographie zu integrieren; ein Erlebnis springt immer wieder heraus – ein Stück Vergangenheit will nicht vergehen, und der Patient fällt immer wieder auf eine frühere, oft kindliche Stufe zurück.

„Sinngebung des Sinnlosen“

Die Messung seiner Hirnaktivität zeigt eine starke Aktivität der Amygdala, der „Angstregion“, die für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig und an der Auslösung entsprechender Reaktionen beteiligt ist – so unterschiedlich diese sein können, dienen sie alle der Gefahrenbewältigung durch eine angemessene Bewegung. Auch Neuners Behandlungsmethode, die „Narrative Expositionstherapie“, erinnert stark an Bergson, indem sie dem Patienten dabei helfen will, seine Lebensgeschichte so zu erzählen, daß die herausgelösten Teile ihren Platz finden.

Es bietet sich an, von hier aus einen Bogen zur Literatur zu spannen: Was Tagebuch und Autobiographie für den einzelnen sind, bedeuten das Epos und seine modernen Nachfahren für Gesellschaften insgesamt. Geschichtsschreibung – in der objektivierenden Weise des Historikers oder der subjektiv-reflektierenden des Romanautors – ist mindestens die „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing). Vielleicht sogar das Aufspüren eines bislang noch verborgenen Sinns?

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