Zwei Welten

Wenn Ausländer Deutsche verprügeln, ist das normalerweise kein Thema für überregionale Berichterstattung. Es sei denn, einer der Verprügelten ist der Sohn eines Bonner Theaterintendanten, und der Überfall wird zum Anlaß für ein intensiv recherchiertes Dokumentarstück: „Zwei Welten“, im Theater Bonn am 30. Oktober uraufgeführt.

Die Parallelwelten liegen in Bad Godesberg besonders eng beisammen. Seit Bonn nicht mehr Hauptstadt ist, wurde auch das einst gefragte Diplomatenviertel durch Unterschichtseinwanderung bereichert. Wohlhabende Bürgerkinder, die zwei renommierte Privatgymnasien besuchen, treffen auf arbeits- und hoffnungslose Jung-Einwanderer mit verinnerlichtem Benachteiligungsgefühl, die sich in gewalttätigen Gangs organisieren: Das kann nicht gutgehen.

Daß ein migrantisches Rollkommando mit Fäusten und Eisenstangen auf die Teilnehmer einer Oberstufenfete losgeht, ist in Bad Godesberg offenkundig kein Einzelfall mehr, wie die Journalistin Ingrid Müller-Münch im Auftrag des Theater Bonn recherchiert hat. An die sechzig Interviews führte sie mit Augenzeugen, Beteiligten, Fachleuten und Verantwortlichen; Material für ein Buch und für ein überregional ausführlich besprochenes Dokumentartheaterstück.

Aufschlußreiche Momentaufnahme der multikulturellen Realität

Derlei Aufsagetheater ist wohl, gerade weil eine aufklärende Mission im Vordergrund steht, als Kunstgenuß eher anstrengend. Das zeitgleich im Emons-Verlag erschienene Buch scheint indes eine aufschlußreiche Momentaufnahme der multikulturellen Realität in Deutschland zu bieten; die Frankfurter Rundschau veröffentlichte auf zwei Seiten Auszüge aus den Interviews.

Man erhält einen Einblick, wie sich die Ablehnung aufschaukelt:

„Es gibt drei Kategorien von Deutschen. Erstens Nazis, zweitens solche, die wie wir sind, und drittens Opfer. Die nennt man so. Tut mir leid, das so zu sagen. Deutsche Opfer sind die, die man abzieht. Auch zum Beispiel die Gymnasiasten. Die reden uninteressant, meistens von oben herab. Aber man nennt die halt Opfer. Und wenn die am Ausländer vorbei gehen und gucken so auf den Boden …
In Medinghoven, wo ich wohne, sehe ich gar keine Deutschen mehr. Hier im Jugendzentrum sind hundert Prozent Ausländer. Hier kommen keine Deutschen. Hier wohnen einige. Aber die kommen nicht raus. Weil die denken, ich werd abgezogen. Deutsche lassen sich auch viel gefallen. Die wehren sich nicht.
Sagen wir mal: Die Leute vom Gymnasium treffen sich im Kurpark. Dann weiß das zum Beispiel einer von uns und sagt: Ja, heute gehen wir in den Kurpark. Da gibt es genug Jackys, so heißt die Beute, die man abzieht, Handys und Jacken.“

Die meisten Rezensionen klingen hilflos

Die deutschen Gymnasiasten bezeichnen sich durchaus selbstkritisch als bisweilen arrogant im Auftreten. Aber bei den Jung-Einwanderern sei die Gewaltschwelle halt niedriger. Man habe noch keinen „Straßenkrieg“, aber ein Polizist sieht durchaus Potential für „erhebliche Auseinandersetzungen“.

Natürlich fehlt es nicht an Beschwichtigern, die krampfhaft einfordern, das Positive zu sehen: Es gebe jetzt ja schon mehr Sozialarbeiter. Mit denen hat die Autorin allerdings durchaus gesprochen; einer beklagte, die Justiz reagiere auf die ansteigende Kriminalität zu milde und zu spät. „Wir sind ja kein Reparaturbetrieb für fehlgeschlagene gesellschaftliche Entwicklungen“, kontert ein Richter. Derweil wurden einige Gymnasiasten in einem natürlich preisgekrönten Projekt losgeschickt, Kontakte mit „Migranten“ zu knüpfen, und begeistern sich bei der Verständnissuche am ausländischen Flair in den Straßen.

Die meisten Rezensionen klingen recht hilflos; einer beklagt, daß das Stück „so gar keinen Ansatz für mögliche Lösungen“ zeige. Wie sollte es auch? Die Unterminierung des gesellschaftlichen Gefüges ist nicht durch Mangel an guten Ratschlägen, an Palaver, Propaganda und Sozialarbeit erfolgt, sondern durch falsche, nämlich ungesteuerte Einwanderungspolitik.

Wäre der Oberbürgermeister auch als Schirmherr gekommen, wenn Autorin, Intendant und Regisseur deren Revision gefordert hätten? Ihre Aufgabe war es, zu dokumentieren und zu benennen. Die Konsequenzen müssen die Politiker schon selber ziehen.

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