Zedler als Symbol

Zu den Eigentümlichkeiten der deutschen Geistesverfassung zählt die häufig zu beobachtende Geringschätzung des Eigenen gegenüber dem Fremden. Dies ist nicht erst seit gestern so, sondern ein altes Phänomen, das sich im 18. Jahrhundert etwa in der breiten Übernahme kultureller Maßstäbe aus der damaligen Hegemonialmacht Frankreich niederschlug.

In mancher Beziehung wird dieses Verhältnis weiterhin gepflegt. Noch heute stolpert wenigstens der Gymnasiast irgendwann einmal über Denis Diderots Projekt einer „Enzyklopädie” des Wissens, erschienen zwischen 1751 und 1780 in Paris. Sie ziert als Hauptwerk der Aufklärung und Symbol des Zeitalters der Vernunft die Lehrpläne.

Diderot kennen somit viele, Zedler kennen vergleichsweise wenige. Das ist schade, denn Johann Heinrich Zedler aus Breslau hat zwischen 1726 und 1750 das vielseitigste enzyklopädische Werk des Jahrhunderts herausgegeben. Dreiundsechzigtausend Seiten und zweihundertvierundachzigtausend Artikel bilden ein „Universallexikon aller Wissenschaft und Künste” und eine Bilanz dessen, was man im 18. Jahrhundert so wußte und tat.

Der Masse fehlt auch nicht die Klasse

Der Masse fehlt auch nicht die Klasse. Rechtswissenschaft kommt ebenso fundiert vor wie Astronomie, Musik, Handwerk und Physik. Zedler kam aus kleinen Verhältnissen, hatte außer Buchhandel nichts gelernt und handelte aus eigenem Antrieb. Er stellte die Veröffentlichungsplattform für andere her und ging trotz guter Verkaufszahlen angesichts des Umfangs der Aufgabe natürlich phasenweise bankrott.

Vor zehn Jahren startete ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Bayerischen Staatsbibliothek, das mittlerweile den ganzen Bestand digitalisiert hat. Er steht im Netz und ist perfekt erschlossen. Es bleibt jedoch die interessante Frage, wer die Lexikontexte zum Großteil geschrieben hat, denn die Autoren der damals neu verfassten Artikel sind unbekannt geblieben.

Insofern ist der Zedler vielleicht ein unfreiwilliges Symbol für deutsche Geschichte insgesamt, digital archiviert und unbekannt zugleich, ungeheuer vielseitig und häufig von Personen vorangetrieben, die hinterher in Vergessenheit gerieten. So mag denn die Geringschätzung des Eigenen möglicherweise auch ein Oberflächenphänomen sein.

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