Joachim Kuhs

 

Take it, Gysi!

Während die Russen 1988 allenfalls im popmusikalischen Paralleluniversum Udo Lindenbergs den Ku´damm unsicher machten, bewegte sich der geschickte Winkeladvokat Gregor Gysi dort ganz real, wie der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe enthüllt. Grund: Er versuchte im Auftrag der DDR-Behörden – und mit fragwürdigen Zusicherungen – einen Flüchtling zur Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat zu bewegen.

Bis zuletzt hatte Gysi diese Veröffentlichung zu verhindern versucht, indem er in einem öffentlichen Antwortschreiben an den mit der betreffenden Geschichte befaßten Rechercheur wieder einmal juristische Schritte androhte: „Mal sehen“, so Gysi, „ob das Ganze im Prozeß endet oder vielleicht doch anders gehandhabt werden kann.“ Laut FAZ reagierte der Spiegel-Chefredakteur Müller von Blumencron darauf mit der lakonischen Bemerkung, er würde sich „wünschen, daß Gregor Gysi mit seiner Vergangenheit ebenso offen umgeht wie mit seinem Schriftverkehr“.

Daß eine Beschäftigung mit Gregor Gysi zwangsläufig zu einer konspirativen Angelegenheit gerät, mußte auch ich erfahren: Anfang 1990, die Mauer war gerade gefallen und das Volk schickte sich an, die erste freie Regierung zu wählen, begab es sich, daß Gregor Gysi an einem Sonntagmorgen – noch vor Läuten der Kirchenglocken – einen Wahlkampfauftritt in Halberstadt absolvierte. Da nirgends ein Führungsoffizier auszumachen war, führte ich seinerzeit – ein Interview mit Gregor Gysi für die von mir mitbegründete Schülerzeitung Anspitzer.

Einstige Stasi-Spitzel in den Redaktionen

Doch die Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS – wie sich später zeigte – sorgten auch jetzt noch dafür, daß dem Leninschen Prinzip „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ unverbrüchliche Treue gehalten wurde. Denn diese Geschichte – von der Geschichte wollen wir noch nicht sprechen, wollen wir nicht alle Hoffnung fahren lassen –, dokumentiert, wie das mit Gregor Gysi geführte Gespräch eine „IMmense“ Aufmerksamkeit erfuhr. Schließlich wurden sämtliche Veröffentlichungen des Interviews fortan durch einstige Stasi-Spitzel redaktionell „abgesichert“:

Die erste Station war die Jugendsendung des DDR-Fernsehens elf 99, in der jene Ausgabe des Anspitzers mit dem Gysi-Interview präsentiert wurde. Moderator damals war Ingo Dubinski, der im Spätsommer 2001 als ehemaliger IM des MfS enttarnt wurde. Weiter ging es im April 1990. Da veröffentlichte die Ost-Ausgabe der tageszeitung einen Teil meines Interviews, redigiert von dem späteren Kultmoderator Jürgen Kuttner, der Anfang 1995 seine inoffizielle Mitarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit eingestehen mußte.

1992 dann wurde das Interview in dem vom Alexander Verlag Berlin veröffentlichten Sammelband „Gregor Gysi – Einspruch!“ abgedruckt. Herausgeber des Buches war Hanno Harnisch, der sich nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns in dessen Wohnung eingenistet hatte und später das Amt des PDS-Pressesprechers innehatte. Die IM-Vergangenheit von Harnisch, der zuletzt ND-Redakteur war, wurde dann nicht zufällig von Wolf Biermann öffentlich gemacht.

Irgendwann wird Gysi überführt

Apropos Alexander Verlag: Der erinnerte mich an die Geschichte von Fritz Rudolf Fries, dessen Roman „Alexanders neue Welten“ einen Stasi-Agenten zum Protagonisten hat. Der Schriftsteller und Übersetzer Fries wurde 1996 als IM des MfS enttarnt. Als Spitzel hatte er sich anwerben lassen, um in den Westen reisen zu dürfen. Soweit die Fakten. Und doch: Seit Gysi im Sommer 2002 seinen Ausflug als Wirtschaftssenator unter Verweis auf seine Bonusmeilen-Verfehlung beendete, bleiben für mich einige Fragen offen: Wieviel staatssichere Bonusmeilen hat mein Interview auf seiner Wanderung gesammelt? Wie können diese verrechnet werden? Wenn nicht: Wo ist eine publizistische Reiserücktrittsversicherung erhältlich?

Versagt haben aber auch die Genossen von der Musikformation „Truck Stop“. In einem Zeitalter, wo alles gecovert wird, hätten sie längst schon ihre Hymne umschreiben müssen: „Take it, Gysi, altes Haus, mach dir nichts draus und….“ – wenn die Geschichten nun auch alle Schnee von gestern sind, so sind sie noch längst nicht tot, wie die Spiegel-Veröffentlichung beweist. Gysis Darstellung mag sehr lebendig sein, aber wer weiß, irgendwann wird er wohl doch überführt.

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