Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Schwedenhappen

Kaum ausgebrochen, ist der israelisch-schwedische Blitzkrieg schon wieder vorbei. Und ein seltsamer Nachgeschmack bleibt: Karikaturenstreit, säbelschwingende Racheforderungen für Banalitäten – sollte das doch keine islamische Spezialität sein?

Der Auslöser der Verstimmung war lächerlich genug. Ein schwedischer Boulevardjournalist verfaßt im Stockholmer Aftonbladet einen Sensationsartikel über illegalen Organhandel in Israel, bei dessen Recherche er sich offenkundig nicht überanstrengt hat. Die reißerische Pointe: Israelische Soldaten sollen getöteten Palästinensern Organe entnommen und weiterverkauft haben.

Beweise bleibt der Verfasser, von eigenen Mutmaßungen und aufgeschnapptem Hörensagen abgesehen, schuldig. Nicht weiter beachtenswert, könnte man meinen; so geht’s nun mal zu im Boulevardgeschäft. Dennoch verlangte Israels Außenminister Avigdor Lieberman von seinem schwedischen Amtskollegen Carl Bildt eine offizielle Verurteilung des Artikels, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu legte nach, ein geplanter Staatsbesuch wurde in Frage gestellt. Das Schweigen Stockholms zu dem Schmuddelartikel erinnere ihn an das Schweigen Schwedens zum Holocaust, polemisierte Lieberman.

Israelischer Reservist sammeln zehntausende Unterschriften

Binnen weniger Tage sammelte ein israelischer Reservist zehntausende Unterschriften für einen Boykott schwedischer Produkte und Unternehmen wie Ikea und Volvo. Die schwedische Regierung lehnte es gleichwohl mit Hinweis auf die Pressefreiheit ab, den Zeitungsartikel offiziell zu verurteilen. Ebenso hatte die dänische Regierung angesichts der islamischen Kampagne wegen der von der Zeitung Jyllands Posten veröffentlichten Mohammed-Karikaturen argumentiert.

Hier enden aber auch schon die Parallelen. Während dänische Unternehmen bis heute unter den Nachwirkungen des Karikaturenstreits von vor vier Jahren leiden, zeigt der israelische Boykottaufruf kaum Resonanz. Zu Demonstrationen kamen allenfalls ein paar Dutzend Protestierer, die Israeli kaufen weiter bei Ikea, im Außenministerium fährt man dienstlich immer noch Volvo, Liebermans Sprecher selbst bezeichnet den versuchten Schweden-Boykott als „unnötig und dumm“.

Was läßt sich aus dem Fall erkennen? Zum einen: Israel mag im nahen Osten liegen, aber westliche Zivilisation und Vernunft haben in jenem Land immer noch eine Heimstatt. Was nicht verhindert, daß dessen Politiker, zum zweiten, immer wieder der Versuchung erliegen, die Antisemitismus-Keule hervorzuholen, um die Leiden und die Verfolgung des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte in kleine tagespolitische Münze umzuwechseln.

Die Keule wiederum ist aber, drittens, auch schnell wieder eingepackt, wenn das Gegenüber sich unbeeindruckt und sattelfest zeigt und längerfristige wirtschaftliche und politische Beziehungen schwerer wiegen. Glückliches Schweden, das sich von keiner Vergangenheit zu selbstbekundeter „immerwährender Verpflichtung“ und „singulärer Verantwortung“ gezwungen sieht.

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