Sätze über Bildung

Inhalt, Substanz und Qualität des Unterrichts muß wieder die Priorität gegenüber der Methode zukommen, so daß die notwendige Bedingung vor der hinreichenden gesichert ist. Das Lernen zu lernen – eine beliebte moderne Phrase – ist ohne Inhalte nicht denkbar. Um Verbindlichkeit zu befördern, ist mindestens an einen minimalen Kanon von Pflichtlektüren zu denken. Vor der Fähigkeit des bloßen Machens und „Präsentierens“ bedarf es des Wissens; das Was muß das Wie regieren. Bevor sie quantifiziert, muß Bildung qualifizieren.

Wo das System lügt, regiert die Phrase. Insofern sollten Euphemismen in den Beurteilungen und Besprechungen keinen Platz haben, weil sie eindeutige Rede und wirksame Hilfe behindern.

Weil Bildung als Orientierung von Menschen eine nationale Angelegenheit ist, erscheint der Bildungspartikularismus in Gestalt der „Kultushoheit der Länder“ als unsinnig und führte bislang nur dazu, daß sich innerhalb der Kultusbürokratien noch die abstrusesten Ideen versammeln und die verantwortungslosesten Experimente an Schülern durchgeführt werden konnten. Die Tatsache, daß die Länderhoheit Bayern und Baden-Württemberg die Möglichkeit gab, Refugien für veritable Schulbildung als kulturelle Reservate zu erhalten, spricht nicht für das System, sondern offenbart  positive Ausnahmesituationen.

Es gibt keine Bildung ohne Bildungsidee. Lebenssinn und –inspiration zu finden bzw. zu erfahren muß Teil des Anspruches von Schule sein. Der Mensch als natürlich metaphysisches Wesen (Hegel) benötigt existentiell Ziele jenseits der rein praktischen Zwecke.

Die Schule hat zu selektieren

Die Schule muß der anthropologischen Konstante Rechnung tragen, daß Talent und Herkommen verschieden sind; insofern hat sie zu selektieren und kraft kompetenter Entscheidung, die naturgemäß nicht dem Elternwunsch überlassen werden kann, verschiedenen Leistungsklassen Räume zu eröffnen. Eine Durchlässigkeit nach klaren Leistungskriterien ist sinnvoll. Eine gegliederte Schule ist nicht lieblos, sondern gerecht, wenn das System begründeter Gliederung aufrechterhalten und nicht aus politischen Gründen verfälscht wird.

Leistungen müssen klar, aussagefähig und verifizierbar bewertet werden. Die Inflation der ausgezeichneten bis guten Bewertungen ist zu revidieren, damit weiterführende Bildungseinrichtungen und die Berufsausbildung wieder klare Vorstellungen vom Vermögen der Bewerber erlangen. Auch befriedigende und genügende Leistungen erhielten so ihren respektablen Wert zurück. Sogenannte „Kopfnoten“, also Bewertungen zu Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung, erscheinen sinnvoll. Persönlichkeit und Haltung sind bewertbar!

Lehrer sollten hinsichtlich ihrer fachlichen Kompetenz bewertet und in ihrer persönlichen Eignung für den Beruf beurteilt werden. Neben einer exzellenten und systematischen wissenschaftlichen Ausbildung sind die persönliche Reife, das Durchsetzungsvermögen mit natürlicher Autorität, die Fähigkeit zu begeistern, zu motivieren, zu inspirieren und überhaupt die physische und psychische Leistungsfähigkeit wichtige Kriterien. Gemäß des Berufsbildes müssen Lehrer führen, entscheiden und klar kommunizieren können. Erziehung ist kein Angebot, sondern kultureller Auftrag.

Praktische Anleihen an  „polytechnischen Zentren“ der DDR

Der Vermarktwirtschaftlichung der Schule muß offensiv entgegengewirkt werden. Es ist nicht ihre Aufgabe, stromlinienförmige und marktgerechte Arbeitskräfte auszubilden, sondern Persönlichkeiten, die in der Lage sind, sich innerhalb der wirtschaftlichen und sozialen Zwänge urteilskräftig zu positionieren. Bildung sollte nicht an den Erfordernissen des Ökonomismus und Konsumismus gemessen werden, sondern durchaus einen Schutzraum bieten, in dem – trotz eindeutiger Leistungsorientierung im Fachlichen – mittels Entschleunigung für Konzentration, Muße und Kontemplation gesorgt ist.

Die Schule darf nicht zur Vorstufe marktkonformer Reproduktionsbedingungen degradiert werden! Sie soll bilden, nicht coachen! Die Übernahmen typisch wirtschaftlicher Methoden, insbesondere der „Präsentation“, und rein quantitativer oder zeitlicher Stressoren, hat sich für die Bildung als fatal erwiesen. Eine relative Rückbesinnung auf den Humboldtschen Bildungsbegriff ist sinnvoll.

Nichtsdestotrotz bedarf Bildung neben der Theorie der Praxis und der authentischen Begegnung mit der Natur, der Arbeit und mit Menschen außerhalb der Schule. Der grassierenden Entfremdung gegenüber den Bildungsinhalten ist weniger durch inszenierte „Projekte“ entgegenzuwirken als mit der Rückbesinnung auf die Pestalozzische Triade von Kopf, Herz und Hand. Ein Tag der Schulwoche sollte außerhalb des Schulgebäudes stattfinden können. An den „polytechnischen Zentren“ der DDR-Pädagogik sollten rein praktische Anleihen genommen werden.

Bewegung erfrischt auf natürliche Weise

So können Wert und Würde der Arbeit erkannt und das eigene Leistungsvermögen im Praktischen erprobt werden. Gerade Schülern mit Schwächen im Theoretischen erschlösse sich so ein Bewährungsfeld, das das Selbstvertrauen wachsen läßt. – Ganztagsschulen wollen dies dem Anspruch nach leisten, schaffen aber eher einen lauen Innenraum von Betreuung und inszenieren Projekte ohne echten Bezug und vor allem ohne Bewährungsmöglichkeit, die nur durch Übernahme von Verantwortung ermöglicht wird.

Der starken Vereinnahmung durch Schulsystem und Unterrichtsraum kann nur durch spürbare sportliche Anstrengung, vorzugsweise außerhalb der Halle, entgegengewirkt werden. Ähnlich wie die Praxis erfrischt die Bewegung auf natürlicher Weise und schafft so einen belebenden Kontrast. Außerdem trainiert der Sport die Selbstüberwindung, läßt Leistungsvermögen entdecken und genießen und übt Kameradschaftlichkeit ein.

Innerhalb der sprachlichen Bildung kommt der Muttersprache Priorität zu. Sie ist die kulturelle Grundbedingung für jeglichen Kenntnis- und Kompetenzerwerb, erschließt das reiche Erbe und die dramatische Geschichte der Nation und ermöglicht einen nuancierten Ausdruck der eigenen Identität und Persönlichkeit. Besonderes Gewicht müßte innerhalb der oberen Klassen der Sprachkritik zukommen, um die Oberstufenschüler zu befähigen, Manipulationen und Phrasen zu erkennen. Klare Sprache schult klares Denken.

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