Graffiti auf schönem, neuen Beton

Vor einigen Wochen empörte sich die B.Z. über Graffiti-Attacken auf die S-Bahnhaltestelle Ostkreuz in Berlin. Die befand sich gerade im Umbau und die Betonpfeiler – „neu und schön“ (B.Z.) – waren noch nicht getrocknet, da hatten Vandalen sie bereits besprüht.

Neue und schöne Betonpfeiler! So einen Satz muß man genießen. Offenbart er doch die Problematik der endlosen Graffiti-Debatten: In einer Zeit, in der Architekten die Städte mit Wohnsilos, Plattenbauten, Beton-, Glas- und Stahltürmen vermurkst haben – werden Graffiti zur Verschandelung dieser schönen, neuen Baulandschaft erklärt!

Was es mit dieser „Schönheit“ auf sich hat, erkannte der „Sgraffiti“-Autor Ernst Jünger schon vor Jahrzehnten: Daß die Architektur des Industriezeitalters durchaus „zerstörerischen Charakter besitzt, daß sie die Eigenart der Natur- und Kulturlandschaften sprengt und mit Fremdkörpern durchsetzt“ (Der Arbeiter, 1932).

Schon in der Antike wurden Statuen beschädigt

Zudem sollte man daran erinnern, daß der Begriff des „Vandalismus“, mit dem die Öffentlichkeit das nächtliche Sprühen bezeichnet, im 19. Jahrhundert der London Times zur Etikettierung häßlicher Neubauten diente!

Freilich wäre es nicht minder falsch, die Graffiti als Widerstand, als Protestaktion gegen den Architekturvandalismus der Neuzeit zu deuten. Denn trotz Medien oder kopfschüttelnder Bürger, die das Beschmieren zur Gegenwartsplage erklären – sie reicht bis in die Antike zurück.

Die Politologin Maren Lorenz hat darüber eine interessante Studie veröffentlicht: „Vandalismus als Alltagsphänomen“ (2009). Sie berichtet, wie zum Beispiel vor 2.000 Jahren oft und gerne Statuen beschädigt wurden, ohne erkennbaren Grund.

Verwahrloste männliche Jugendliche als Täter

Daß man damals schon von „sinnlosen Taten“ sprach und händeringend nach dem „Warum“ fragte. Außerdem war in früheren Jahrhunderten das – nicht profitorientierte – Zerstören von Baum- und Agrarkulturen weit verbreitet, so daß Staat und Klerus qualvolle Todesstrafen plus Hölle androhten.

Selbst das Bepinseln von öffentlichem Eigentum hat Tradition: Wütende Leserbriefe aus dem 19. Jahrhundert, die bei Denkmalbeschmierung die Wiedereinführung des Prangers forderten, belegen das.

Was und wie man beschädigte, das unterlag dem Wandel der Zeit. Auch die Vorstellung der Öffentlichkeit und Ordnungshüter, wer diese Taten begeht.

<---newpage--->Erst im späten 19. Jahrhundert entstand das moderne Täterprofil: Der verwahrloste, männliche Jugendliche. (Eine Unterbrechung bot nur noch die NS-Zeit, die aus jedem Vandalen einen Systemgegner machte, ihn zum „Schädling“ am „Volkskörper“ stilisierte).

Graffiti sind oft „aussagelos“

Auffallend ist, daß diesem populären Täterbild kaum ernsthafte Studien gewidmet werden. Weder zwecks Bestätigung, noch zur Widerlegung. Zu evident scheint es zu sein. Aber solche „Selbstverständlichkeit“ sollte immer Skepsis wecken. Soweit Frau Lorenz.

Wenn aber Motiv und Täterprofil sich im Lauf der Geschichte als variabel erwiesen, was wäre der allgemeinste Nenner, auf den sich Vandalismus – und vor allem: Graffiti – bringen ließe? Graffiti – das sind vielleicht primär „Lebenszeichen“. Egal ob Protest, symbolische Reviermarkierung oder Selbstvergewisserung.

Man markiert öffentliches Material, setzt ein Codewort, ein Zeichen. Deshalb sind Graffiti oft so „aussagelos“. Sie sind wie ein Emblem, ein Symbol, ein Kürzel plus Schnörkel, ähnlich einer Unterschrift.

Ordnungsbedarf contra individuelle Artikulation

So wie Marcus Tullius Cicero angeblich eine Kichererbse (nichts anderes bedeutet der lateinische Name „Cicero“) in eine Mauer ritzte. Was soviel wie „Cicero was here“ heißen sollte. 

Die Fluxuskünstlerin Carolee Schneemann fragte sich, ob der Mensch Kunst produziert, um nach seinem Tod mehr Zeichen zu hinterlassen. Ein solches abstraktes Zeichen, füllbar mit verschiedensten Intentionen, das ist das Graffito.

Nein, hier sollen Graffiti nicht „verteidigt“ werden. Man kann solch Zeichen-Setzen auf der Grenzmauer allgemeiner Ordnungsregeln ärgerlich finden. Ordnungsbedarf contra individuelle Artikulation, das ist ein Gegensatz, der unlösbar die Menschheitsgeschichte durchzieht.

Aber niemand sollte das Problem in den Bereich der Ästhetik verschieben. Und seinen Ärger dann mit der „Schönheit des Beton“ legitimieren. In Stadtbildern, die vom visuellen Erbe totalitärer Regime und dem Selbstekel moderner Kulturen geprägt sind.

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