Demokratie und Imperium

„A democracy cannot rule an empire”, konstatierte der britische Althistoriker Sir Ronald Syme in seiner vor siebzig Jahren erschienenen “Roman Revolution”. Ein Großreich kann nicht durch eine Demokratie regiert werden, und auch nicht durch einen Monarchen allein. Ob offen oder verschleiert, „es steckt immer irgendwo eine Oligarchie dahinter“.

Es gehört zu den einzigartigen Vorzügen der britischen Altertumswissenschaften, daß ihre Historiker, wenn sie über das Imperium Romanum schreiben, dies vor der staatspolitisch bis heute prägenden Realität des British Empire tun, dessen politische Eliten mit den akademischen auf Augenhöhe zu verkehren pflegten.

Der Abgleich des historischen Urteils mit der eigenen politischen Erfahrung ist der Historikerzunft auf der Insel von daher keine blutleere Marotte, sondern fester Bestandteil der Lebenswirklichkeit. Sir Ronald ist mit seinem 1939 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs veröffentlichten Hauptwerk bis heute stilbildend.

Logische Konsequenz des Zentralisierungsprozesses

Syme analysiert, wie der Aufstieg der römischen Republik zu einem das Mittelmeer umspannenden Imperium zwischen dem Tod Cäsars und der Etablierung des augusteischen Prinzipats auch in der Umgestaltung des politischen Systems nachvollzogen wird. Gegenstand seiner Faszination ist die Oligarchie dahinter.

Deren Überhöhung durch eine quasi monarchische Spitze ist die logische Konsequenz eines Zentralisierungsprozesses, der aus Unterworfenen Verbündete, aus Verbündeten Inkorporierte, aus eroberten Nachbarstaaten und tributpflichtigen Fürstentümern von Rom aus regierte Provinzen machte.

Die Reichwerdung und Reichsfestigung Roms erforderte eine kontinuierliche Abhobelung von Sonderrechten und regionalen Eigentümlichkeiten. Auf der anderen Seite ging damit eine stete Erhöhung der ökonomischen, territorialen und sozialen Durchlässigkeit einher: Einheitliche Währung, Wegfall der Grenzen, ein enormer Binnenmarkt für Massen- und Qualitätsprodukte, erweiterte Aufstiegsmöglichkeiten regionaler Eliten bis in die Spitzen der Reichsverwaltung, schließlich – 212 von Caracalla verfügt – die einheitliche Reichsbürgerschaft.

Die aufmuckenden irischen Bundesgenossen wurden unterworfen

Solch ein Großreich kann nicht demokratisch regiert werden. Was Ronald Syme vor dem Hintergrund des britischen Weltreichs formulierte, das damals bereits seinen Zenit überschritten hatte, leuchtete in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unmittelbar auch für die von Ostküsten-Oligarchie und Nomenklatura regierten, neu aufgestiegenen imperialen Supermächte USA und Sowjetunion ein.

Im 21. Jahrhundert wird man an Symes Diktum die Europäische Union zu prüfen haben. Dem Ziel der Staatwerdung und weiteren Vereinheitlichung ist sie durch die Unterwerfung der aufmuckenden irischen Bundesgenossen ein großes Stück nähergekommen. Gegenstand des Konflikts war eine Änderung der Vertragsgrundlage zugunsten der Oligarchie in der Zentrale, die neue, nur von ihr zu berufende Ämter an der Spitze schafft.

Volkswahl der Consuln, der Regierungen, gibt es in Republiken, in Nationalstaaten. In Imperien, in supranationalen Formationen ist die demokratische Bestätigung der Führung nicht mehr praktikabel. Sie muß aus anderen Quellen legitimiert und von einer Oligarchie getragen werden. Je weiter die Integration der Europäischen Union voranschreitet und die Völker als Souverän überflüssig macht, desto undemokratischer muß diese Union für die Europäer werden.

Fabulieren über demokratischere Abläufe

Das schließt nicht aus, daß viele Einzelpersonen davon ökonomisch und persönlich profitieren und die Abdankung ihrer demokratisch verfaßten Nationalstaaten eben deshalb bejahen. Den Barrosos und Merkels, die jetzt über das „Ja“ der Iren zum Lissabon-Vertrag jubeln und über „demokratischere“ Abläufe in der Union fabulieren, fehlt freilich die Fairneß, diese geschichtslogische Notwendigkeit ihren Völkern mitzuteilen.

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