Bye-bye, Alaska!

Heute ist der erste freie Tag im Leben der Sarah Palin. Ausschlafen kann sie wahrscheinlich trotzdem nicht. Anfang Juli hat sie den Rücktritt als Gouverneurin von Alaska angekündigt, der gestern wirksam geworden ist. Ist das das Ende ihrer Karriere? 

Vorangegangen war eine Schlammschlacht gegen die 45jährige, die es in sich hatte und vermutlich vom Weißen Haus gesteuert worden ist. Das vermuten jedenfalls ihre Anhänger. Die konservative Republikanerin hat ihr Amt einfach nach zweieinhalb Jahren hingeschmissen, so stellen es ihre Kontrahenten dar.

Und selbst ihre Anhänger fragen sich enttäuscht, ob eine Frau, die dem öffentlichen Druck schon in der Provinz nicht standhält, die Richtige für ein nationales Amt in Washington sein kann. Wer in der Politik nach ganz oben will, muß – vor allem als „Rechter“ – große Steherqualitäten mitbringen. Wer die nicht hat, darf sich nicht in dieses Haifischbecken begeben. 

Auf der anderen Seite sprechen verschiedene Dinge für sie. Zum einen das dankbare Aufatmen der Linken. Deren Triumphgeheul war selbst hier in Berlin zu hören. Doch merkwürdigerweise konnten sie danach nicht zur Tagesordnung übergehen. Statt dessen kommentierten sie sofort giftig die Spekulationen, Palin könnte eine eigene TV-Sendung bekommen.

Als Starrednerin könnte Palin 100.000 Dollar pro Abend verdienen

Auch ein Buchvertrag ist ja wohl unter Dach und Fach. „Oh, ich werde ihre Sendung bestimmt nicht anschauen, falls sie eine bekommt“, versicherten sich die Demokraten stante pede gegenseitig. Das Verhalten der amerikanischen Linken gleicht dem eines Mannes, der seiner Ex-Freundin nachtrauert, es aber nicht zugeben mag. Schluckend versichert er: „Ich bin längst darüber hinweg“ oder „die interessiert mich gar nicht mehr“ und so weiter. 

Tatsache ist, daß Sarah Palin ihre Zeit vergeudet hätte, wenn sie sie in Alaska verbringen würde. Dort pendelt sie zwischen Anchorage, der größten Stadt Alaskas, der Hauptstadt Juneau, ihrem Wohnort Wasilla hin und her. Schon mal von diesen Orten gehört? Haben die meisten Amerikaner nicht einmal. Sie verdiente als Gouverneurin 125.000 Dollar im Jahr.

Allein mit ihrem geplanten Buch – die Rede ist von einer Millionenauflage – wird sie auf einen Schlag mehr verdienen. Das Time Magazine schätzt, daß Sarah Palin als Starrednerin 100.000 Dollar pro Abend verdienen kann. Als TV-Queen würde sie die Öffentlichkeit besser erreichen und ihre mögliche Kandidatur optimal vorbereiten. Nicht überzeugt? Auch bei uns hätte Harald Schmidt als Präsidentschaftskandidat bessere Chancen als der Landrat von Rügen! 

„Denen da oben“ eins auswischen

Das Entscheidende ist, daß sie für das konservative Amerika steht – egal, was die Linken über sie sagen. Sarah ist der amerikanische Franz Josef Strauß. Sie ist jene Art von Mensch, die entweder geliebt oder abgrundtief gehaßt werden. Dazwischen ist nicht viel. 

Die Rechten lieben sie, weil sie die selbsternannten Eliten in Boston, New York und Washington verachten. Sarah Palin gehört jetzt noch weniger dazu, weil sie ihr Amt, und sei es aus Washingtoner Perspektive noch so unbedeutend gewesen, abgegeben hat. 

Sie liebt die Macht nicht, sonst hätte sie anders gehandelt. Bei einem Wahlvolk, bei dem die Macht unter Generalverdacht steht, kann das so falsch nicht sein. Amerika ist das Land, in dem Geschworene – Leute wie du und ich – den Opfern von Großkonzernen gerne Millionenentschädigungen zubilligen, einfach weil sie „denen da oben“ eins auswischen wollen. 

Für diese Wähler ist Sarah Palin die Frau, die dem Establishment den Mittelfinger zeigt. Für die Christen ist sie die Frau, die ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gebracht hat. Für die Waffenbesitzer ist sie die Frau, die mit einem Gewehr zur Jagd geht. Das ist schon mal eine Menge. Auf jeden Fall kann sie mit den Stimmen der Konservativen rechnen, die von McCain vor einem Jahr alles andere als begeistert waren. 

Obama unbeliebter als Bush zum gleichen Zeitpunkt

Viel hängt natürlich auch davon ab, wie es mit Obama weitergeht. Dem gelingt noch nicht einmal sein Plan für eine Gesundheitsreform, obwohl er eine komfortable Mehrheit im Parlament hat. Die Staatsverschuldung steigt und steigt. Sarah Palin kritisiert diesen lockeren Umgang mit den Finanzen, weil er unmoralisch und wirtschaftsfeindlich sei. 

Solche Sprüche sind die Wähler von den Republikanern gewohnt. Weniger Staat, weniger Steuern – Standardrepertoire in Amerikas Wahlkämpfen. Nur: Normalerweise vergessen die Republikaner ihre Versprechen, sobald sie an die Macht gekommen sind. Macht macht bequem.

Macht korrumpiert. Immer. Sarah Palin hat die Macht freiwillig ohne Not abgegeben. Sie könnte diejenige sein, die in Washington nicht auf Machterhalt aus ist, sondern ihre Prinzipien einhält. Wenn es ihr gelingt, diese Sichtweise zu vermitteln, dann hat sie eine Chance. 

Kaum zu glauben: Letzte Woche wurden neue Umfrageergebnisse bekanntgegeben, die in Washington eingeschlagen haben wie eine Bombe. Der große Barack Obama, der geniale Kommunikator und Wahlgewinner, ist in Umfragen schon jetzt unter das Niveau seines Amtsvorgängers George Bush zum gleichen Zeitpunkt abgesunken.

Es war zwar klar, daß sich Enttäuschung breitmachen würde. Aber selbst Konservative, die nie den Obama-Hype mitgemacht haben, sind überrascht, daß das so schnell ging. Vielleicht ist der Spuk im Weißen Haus schon 2012 wieder vorbei. Das könnte dann Sarah Palins große Stunde sein.

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