Bunte Küche für bunte Menschen

In unserer Reihe „Verdienste der 68er“ soll diesmal von deren Erfolgen bei der Überwindung der deutschen Küche die Rede sein. Bis 1968 bestand „deutsches Essen“ vor allem aus einer Schwarze-Bohnen-Suppe, gefolgt entweder von Schweinebraten, Eisbein mit Sauerkraut, Gulasch-Apokalypsen oder Satansbraten, dem sich schließlich Götterspeise oder Vanillepudding anschlossen. Heute hingegen hat eine bunte, multikulturelle Küche in Deutschland Einzug gehalten: Pizza, Pasta, Döner, Couscous und manches Exotische mehr sind bei uns so geläufig geworden, daß sie von unserer Speisekarte nicht mehr wegzudenken sind.

Dank unserer „68er“ konnte die allgemeine Finsternis in der deutschen Küche überwunden werden. In welchem Jammertal die Deutschen sich bis dahin befunden haben, darüber klagte schon Friedrich Nietzsche in seinem „Ecce Homo“: „Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in den venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguß-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloß alten Deutschen hinzu, so versteht man die Herkunft des deutschen Geistes aus betrübten Eingeweiden … Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit nichts fertig.“

„Gutbürgerliche Küche“ nur auf dem Land

Heute, so können wir wohl festhalten, ist es mit dem „magenverstimmten deutschen Geist“ wohl ein für allemal vorbei. Dank ethnic food, sprich einem Nahrungsmittelangebot aus aller Welt, verblaßt er in dem Maße, in dem alles „bunter“ wird. Analog zur Multikulturalisierung der einst so „sauertöpfischen“ Deutschen im Gefolge von 1968 ist die „gutbürgerliche Küche“ zu einer Angelegenheit von „Ewiggestrigen“ geworden, die von „faschismusverdächtigen“ Eßgewohnheiten nicht lassen wollen. „En vogue“ sind heute „der Thai“, „der Afrikaner“, „der Indonese“ und andere mehr. Wenn überhaupt, findet sich die „gutbürgerliche Küche“ bestenfalls noch auf dem Land.

Burger-Sozialismus schafft Gleichheit

Vorbei sind auch die Zeiten preußisch-starrer Mahlzeiten, die „die Menschen“ einem harten, unbarmherzigen Zeitdiktat unterwarfen. Auch hier hat die allgemeine Befreiung, die 1968 ff. ausgelöst wurde, ihre Wirkung getan: Wer heute auf die Straße tritt, sieht sich auf den Gehwegen schon nach kurzer Zeit fröhlich kauenden und mampfenden Pizzaschnitten- oder Döner-Vertilgern gegenüber, denen das Fett aus den Mundwinkeln trieft und die eine Spur von Essensresten hinter sich her ziehen. Gegessen wird heute dank der Segnungen des fast foods, das an jeder Ecke unüberriechbar feilgeboten wird, immer und überall. Hierher gehören auch weltweit operierende Klopsbratereien, denen Ignoranten vorwerfen, ihre Angebote beförderten Fettleibigkeit. Diese Kritiker wollen den hier mühsam errungenen Burger-Sozialismus einfach nicht zur Kenntnis nehmen: Alle die nämlich, die diese Fleischklöpse kontinuierlich auf ihre Speisekarte setzen, gleichen sich in Körperumfang und Konfektionsgröße an. Hier hat die Vision einer „klassenlosen Gesellschaft“ endlich einmal Kontur angenommen: „One size fits all“!

Speisen direkt vom Fließband

Nur Beckmesser können in den auf die Straße verlagerten Mahlzeiten einen Verfall von Eßkultur sehen: einer dynamischen Gesellschaft wie der unsrigen widersprechen langatmige Mahlzeiten, dem kommt eine flexible internationale Küche entgegen, die die Ernährungsgewohnheiten von Menschen bedient, deren kulinarische Bedürfnisse „so bunt wie unsere Gesellschaft“ geworden sind.

Wie flexibel die internationale Gastronomie inzwischen auf die Bedürfnisse „der Menschen in Deutschland“ einzugehen vermag, zeigt das Beispiel „Running Sushi“: Hier kann die Nahrungsaufnahme direkt mit Fitneßübungen verbunden werden, was enorm zeitsparend wirkt. Die Speisen werden auf einem Fließband, das verschiedene Geschwindigkeitsstufen zuläßt, angeboten. Die Sushi-Restaurants betritt man am besten mit Laufschuhen: Je nach Leistungsfähigkeit nimmt man den Wettlauf gegen das Fließband auf – abgerechnet werden nicht nur die Teller, die man erreichen konnte. Auch die verbrannten Kilokalorien werden direkt als Bonuspunkte gutgeschrieben. Die jeweils Besten erhalten dann am Monatsende einen goldenen, silbernen und bronzenen Sushi-Teller. – Hätten sich „unsere 68er“ eine derartige Revolutionierung deutscher Eßgewohnheiten jemals auch nur träumen lassen?

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