An der Herzkammer der Weltseele lauschen

Wenn Daniel Bigalke den Dichter Friedrich Hölderlin als „tragisches Sinnbild der freien deutschen Denkart“ beschreibt, als jemanden, der scheitert an „einer Welt der Mittelmäßigkeit, des Profits und sekundärer, heraufbeschworener ‘Bedürfnisse’“, an einer Zivilisation, „die von der ‘Wiederkehr der Götter’“ nichts wissen möchte – dann hat er damit auch eine zeitgemäße Definition des Konservativismus geliefert.

In dieser Lesart impliziert der Begriff keine Fixierung aufs Gestrige, kein Hochhalten historischer Vergangenheit – sei sie ästhetischer, politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder kultureller Natur –, sondern die Suche nach dem Überzeitlichen; ausgehend vom Menschen als „mystischem Tier“, das neben Instinktbefriedigung nach dem Geheimnis des Lebens, nach Sinn, nach der Ekstase dürstet. Der junge Nietzsche erlebte dieses Geheimnis in der Musik Richard Wagners. Beim Hören des 3. Akts von „Tristan und Isolde“ war ihm, als legte er sein Ohr an „die Herzkammern des Weltwillens“.

Ganze Wucht der Existenz

Genau das ist der Platz des Menschen: als Lauscher an den Herzkammern der Weltseele; wo sich die ganze Wucht der Existenz zwar nicht sagen, nicht begreifen, aber erspüren läßt. Diesen Platz gilt es zu bewahren (conservare), frei zu halten. Es gab und gibt unzählige Möglichkeiten, sich diesen seltenen Momenten des Lebens zu öffnen. Mystiker aller Religionen haben es vorgelebt,  in schamanistischen Rauschzuständen, in der Meditation, in der Erotik. Keine Kultur, die nicht ihren Kanal gefunden hätte.

Hierzulande sind vor allem Jacob Böhme, Meister Eckhart, F. W. J. von Schelling, Novalis, Richard Wagner, Friedrich Hölderlin, Martin Heidegger, C.G. Jung, Hermann Graf von Keyserling und Martin Buber zu nennen. Aber auch feurige Ekstatiker wie Georges Bataille, Léon Bloy, Ernst Jünger, Simone Weill oder Anita Berber wirkten als Verstärker für unzählige Lauscher.

Eine so verstandene, konservative Kulturkritik sucht die Gegenwart nach Zugängen, Wurmlöchern, Wegweisern zum Geheimnis ab – ganz gleich, ob in der Literatur, im Film, in der Musik, im Comic oder im Internet. Die Form spielt keine Rolle. Das Wesentliche kann sich überall artikulieren. Und allerorts verschüttet werden. Ein ungezügelter Markt beispielsweise reduziert das „mystische Tier“ zum puren Tier, füllt die Lebenszeit unzähliger Individuen mit materiellem Überlebenskampf. Alles, was sich absolut setzt, was keinen Ausgleich kennt, wird zum Götzen.

Priorität des Mentalen

Dem hat bislang nur der asiatische Kleinstaat Bhutan eine „konservative Revolution“ entgegengehalten. Der ersetzte nämlich das Wachstum des Bruttosozialprodukts durch das Steigen des „Bruttonationalglücks“. Denn „Wachstum sollte auch das bezeichnen, was die Menschen wünschen.“ (Karma Tshiteem). Also wurden zahlreiche Einwohner nach künftigen Kriterien politischen Handelns befragt.

Resultat: Bedingungsloses Wirtschaftswachstum hatte keine Priorität, sondern „Umwelt, Kultur und Tradition“. Präziser: „Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, Staatsführung, der Lebensstandard und ökologische Vielfalt.“ Mehr noch: Der Leiter der Buthan-Studien erklärte: „Als buddhistischer Staat legen wir besonderen Wert auf spirituelles Wohlsein“. Auf die Priorität des Mentalen, des Mystischen also.

Spätestens hier begreift man, daß die materiell-ökonomische Fixierung des Westens, die vor allem Streß, Depression und Burn-Out-Syndrom als Massenware produziert, kein demokratisches Phänomen ist, sondern Hirnwäsche.

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