Am Ende siegt die Null

Zur Jahreswende ist viel vom Glück die Rede, das durch schornsteinfegerberittene Marzipanschweine mit Kleeblättern, goldenen Hufeisen und Fliegenpilzen in der Schnauze verkörpert wird. Harmlose Spielereien wie das auf römische Wahrsagetechniken zurückgehende Bleigießen gehören in diesen Zusammenhang.

Im Gegensatz dazu steht der Versuch, das Glück gleichsam zu zwingen oder sein Charakteristikum des Zufalls durch Berechnungsversuche auszulöschen: Das Roulette etwa kann als Umsetzung des mittelalterlichen Rades der Fortuna betrachtet werden und weist auf die antike Kosmologie zurück, nach der die Planeten in vorgegebenen „Sphären“ kreisen.

Dabei ist es doch ganz ein Kind der Aufklärung: eine Maschine, die Glück erzeugen soll, das – wenn man alle Parameter kennt, berechenbar wäre –, und gegen die christliche Tradition gerichtet, denn „im Schweiße seines Angesichts“ sollte man sein Brot essen und nicht im Casino sitzend sein Geld verdienen. Es ist nicht verwunderlich, daß Ludwig XV. es verbieten wollte und selbst Napoleon es nur unter Auflagen duldete; das neunzehnte Jahrhundert hingegen war die große Zeit der Spielbanken, bis sie 1872 schließen mußten und erst 1933 wieder öffnen durften.

„Methode“ aus dem Internet

Vor einiger Zeit stieß ich im Internet auf eine „Methode“, nach der man beim Roulette zu fast sicheren Gewinnen gelangen könne: Man solle die dreimalige Wiederholung einer Farbe abwarten und dann einen Betrag auf die andere Farbe setzen: im Fall des Gewinnes verdopple sich der Einsatz, bei Verlust müsse man weiter auf diese Farbe setzen, dabei den Betrag immer verdoppeln, bis man wieder gewönne und durch dieses exponentielle Wachstum seine Verluste ausgleiche.

Ich bin kein großer Mathematiker und fing an, ein bißchen zu spielen – erst nur so, dann, nachdem die Methode tatsächlich erfolgversprechend schien, in einem Online-Casino auch um Geld. Schnell entwickelte ich die typischen Symptome einer beginnenden Spielsucht: Großartige Gewinne malte ich mir aus und sah mich schon – immerhin noch halb im Spaße – in meiner „Casa Roletta“ genannten Villa mit einem goldenen Roulettetisch im Vestibül die Gäste empfangen.

Zwar machte ich auch Verluste, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß diese durch die Gewinne gedeckt seien; viele Stunden verbrachte ich bei dieser Beschäftigung, und immer mehr okkupierte das Spiel mein Gehirn, bis ich schließlich die Bremse zog, die Spiele-Software deinstallierte und dieses Abenteuer ein für allemal beendete.

Die grüne Null schießt quer

Alles, was ich an mir erlebt hatte – das monotone Warten und Auf-die-Kugel-Starren, den „Kick“ beim Gewinn, den Vorsatz, nach dem nächsten Verlust aufzuhören, die ganze Abfolge manisch-depressiver Phasen – ist ja sowohl der Psychologie als auch der Literatur hinlänglich bekannt (ich konnte mir wenigstens sagen, daß selbst ein so großer Geist wie Dostojewski zeitweise der Spielsucht verfallen war); und sogar das, was mir als neue Methode vermutlich von einem Lockvogel vorgegaukelt worden war, ist unter dem Namen „Martingalespiel“ in mannigfachen Abwandlungen seit Jahrhunderten Gegenstand mathematischer Berechnungen, deren Ergebnis klipp und klar besagt, daß es eine Strategie mit langfristig positiver Gewinnerwartung niemals geben kann.

Zum einen gibt es ja nicht nur Rot und Schwarz und damit fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeiten, sondern die grüne Null schießt immer quer und sorgt dafür, daß der Rubel letztlich eher in die Bank hinein- als aus ihr herausrollt; zum anderen lassen sich die Verluste bald nicht mehr durch Verdoppelungen ausgleichen, da entweder ein Höchsteinsatz vorgeschrieben oder kein Spielkapital mehr vorhanden ist.

Das Vertrackte besteht gerade darin, daß eine acht- oder neunmalige Wiederholung derselben Farbe nur selten vorkommt, so daß man viele kleine Gewinne erzielt, dann aber plötzlich sein Säckchen gelehrt bekommt. Die Spielbank hat Zeit und kann auch mal eine Kleinigkeit herausrücken, weil der Spieler dann um so lieber wiederkommt.

Nachdem ich diese Zusammenhänge nicht nur abstrakt begriffen, sondern auch verinnerlicht hatte, nahm ich also meinen Restgewinn und floh davon.

Bismarck hat Recht gehabt, als er nach der Reichsgründung den produktiven Unternehmer gegenüber dem Zocker bevorzugte – und die Vorstellung, mit Hilfe eines kleinen Maschinchens das Glück herbeizaubern zu können, führt, wie alle radikalaufklärerischen Utopien, nur zu einem Ergebnis: Am Ende gewinnt immer die Null.

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