Chemnitz und die Medien

Die Indoktrination scheitert am ostdeutschen Widerstandswillen

Der Schriftzug „Sachsen“ besteht zur Hälfte aus Frakturlettern, die in SA-Braun verlaufen, das ganze vor schwarzem Hintergrund. So sieht das Titelbild des aktuellen Spiegels aus. Es geht selbstverständlich um Chemnitz und selbstverständlich um diejenigen, die summarisch als „Nazis“ firmieren – vom betroffenen Bürger über den AfD-Anhänger und den PEGIDA-Demonstranten bis zum Skin –, und selbstverständlich geht es um die Gefahr eines neuen `33.


„Wenn Rechte nach der Macht greifen“ lautet die Unterzeile der Hauptgeschichte. Daniel H., der in Chemnitz einem Messermord zum Opfer fiel, ist jedenfalls nur Nebensache. Mit Nachdruck weisen die Verfasser darauf hin, daß es bisher nur den Verdacht gebe, daß „ein Asylbewerber einen Deutschen erstochen“ habe. Entscheidender sei, daß die Demokratie vor dem Untergang stehe, denn es „belagern Neonazis die Straßen, zeigen den Hitlergruß und bedrohen Migranten“, während Polizei und sächsische Regierung tatenlos zusähen.

Wieder wird dem Leser das Erstaunen der Mitbewohner des Hauptverdächtigen Yousif A. aufgetischt, den sie zwar nicht besonders gut, aber eben doch als „netten Typen“ kannten, während man über den wahrscheinlichen Mittäters Alaa S. erfährt, daß der ein ganz „umgänglicher“ Mensch sei, dem ein Messerangriff gar nicht zuzutrauen wäre.

Die Tat wird heruntergespielt

Von den elf Seiten des Spiegel-Textes widmet sich nicht einmal eine Seite der Tat, und kaum mehr Raum gibt es für die Klärung der Frage, ob der Mord von Chemnitz ein isolierter Vorgang war. Das Ergebnis der Analyse ist sowieso absehbar: ein mehr oder weniger zufällig ausgelöster Streit um Zigaretten oder vielleicht auch Geld unter alkoholisierten Kerlen hat Daniel H. unglücklicherweise das Leben gekostet. Nirgends ist die Rede von einer weiteren Aggression junger männlicher Fremder gegen einen von uns.

Die Perspektivverzerrung, die sich der Spiegel erlaubt, ist kein Einzelfall, sondern typisch für die Berichterstattung der Leitmedien in den letzten Tagen. Die Kommentare der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Sender, der Zeitungen und Zeitschriften wie die Stellungnahmen der Spitzenpolitiker folgten alle mehr oder weniger demselben Schema: Nicht die Tat ist der Skandal, sondern die Reaktion darauf.

Die Einhelligkeit dieses Meinungsbildes hat ihre Ursache in der fatalen Geschlossenheit unseres politisch-medialen Komplexes. Da sind alle irgendwie liberal, progressiv, weltoffen, fürs Bunte, ein bißchen feministisch, ein bißchen öko und ein bißchen veggie. Man bildet einen Club, streng abgeschirmt gegen alle Nichtmitglieder, eine Funktionselite, die jede Dissidenz mit sozialer Ächtung straft und überzeugt ist, daß man dem Volk, dem „großen Lümmel“, nur durch Indoktrination oder Drohung beikommen kann.

Ostdeutsche verfügen noch über Abwehrwillen

Wenn die Sachsen so erfolgreich in den Ruf gebracht wurden, der braune Kern „Dunkeldeutschlands“ zu sein, hat das vor allem mit ihrer Resistenz gegenüber den sonst wirksamen Mitteln der Pression zu tun. Es geht jedenfalls nicht um die Allgegenwart von Rechtsextremisten und Springerstiefelträgern, sondern um einen ausgeprägten Widerwillen gegenüber dem Jargon der tonangebenden Kreise und jenem Neusprech, der den Deutschen beibringen will, daß es sie gar nicht gibt, daß sie keine identifizierbare Einheit, keinen politischen Körper bilden.

Die Vorstellung, daß ein Volk auch ein „Makroanthropos“ ist, ein „Großer Mensch“, gehört nicht nur zu den ältesten Bildern der Staatsphilosophie, sondern zum Selbstverständnis jeder lebensfähigen politischen Gemeinschaft. Die heute propagierte Idee einer irgendwie aus irgendwelchen Einzelnen qua Vertrag zusammengefügten Gesellschaft steht dazu in radikalem Gegensatz. In den alten Bundesländern hat man die Vorstellung von einem Bevölkerungspotpourri mittels Kontrakt in den letzten fünfzig Jahren tief verankern können. Die Einwohner des „Beitrittsgebietes“ hingegen verfügen offenbar noch über gesunde Instinkte, die es erlauben, sich gegen alles zu verteidigen, was den Großen Menschen tötet.

Dissidenten gesucht

Das allein wird auf die Dauer aber nicht genügen. Die mehr oder weniger wortlose Abwehrbereitschaft der Basis braucht praktische Hilfe. Dabei geht es um zweierlei: Stützung jener Kräfte innerhalb des politisch-medialen Komplexes, die zur Dissidenz bereit sind, und Ausbau des Samisdat. Was die Dissidenten betrifft, kann deren Zahl unter den gegebenen Umständen nur klein sein, denn die Meinungswacht ist streng und unerbittlich und der Preis für jedes Abweichen hoch.

Aber wenn der eine oder andere Qualitätsjournalist trotzdem darauf hinweist, daß es bei den Protesten in Chemnitz nichts gegeben habe, was man als „Hetzjagd“ auf Fremde bezeichnen könne, daß man Material für Meldungen direkt von der Antifa bezog und daß das vielfach wiedergegebene Foto mit dem Plakat, auf dem „Terror“ stand, leider so beschnitten wurde, daß das „Kein“ vor „Terror“ weggefallen war, dann darf man das als hoffnungsvolles Zeichen betrachten. Trotzdem bleiben das nur erste zaghafte Schritte, weit davon entfernt, das Meinungsklima tatsächlich zu verändern. Dazu bedarf es der Machtmittel, die echte Handlungsmöglichkeiten eröffnen, und die werden nur gegeben durch Gegenstrukturen, die Gegenmacht bedeuten.

Trotz massiver Negativ-Berichten in den etablierten Medien waren Tausende Demonstranten zum Trauermarsch in Chemnitz erschienen Foto: picture alliance/Ralf Hirschberger/dpa

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