Soziale Netzwerke
Soziale Netzwerke: „Fake News“ gibt es schon länger Foto: picture alliance

Meinung
 

Ein Gott, ein Recht, keine Wahrheit

„Fake News“ – seit wann gibt es die eigentlich? Und was ist das überhaupt? Noch vor einem Vierteljahrhundert galt doch, was in der Zeitung stand, als mehr oder minder verläßlich. Irgendwann in den 1990ern veränderten sich plötzlich die Sprachregelungen, harmlos am Anfang, beinah nichtssagend.

Aus Zigeunern wurden Roma, später Rumänen, schließlich Europäer. Wer dachte Böses dabei? Dann begann der Westen, Länder zu bombardieren, zu sanktionieren oder gleich einzumarschieren, deren Demokratie- und Menschenrechtsstandards zu wünschen übrig ließen. Ganz zu schweigen vom Verdacht auf Massenvernichtungswaffen.

Die Medien spielen mit

Die Medien spielen mit; jeder Redakteur weiß heute zu jedem Konflikt, wer gut und wer böse ist. Beispiel: In Syrien sind die Aufständischen die Guten. In der Ukraine (oder im Irak) ist es die Regierung. So einfach ist das.   Aus England kam das Konzept des „Spin“ auf den Kontinent.

„Spin“ heißt eigentlich Drehung oder Drall, früher hätte man Effet gesagt. Worum geht’s? Jeder halbwegs talentierte Journalist kann ein Glas Wasser als halb leer oder halb voll beschreiben. Je nachdem. Der reale Sozialismus hat einen Witz hinterlassen: Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnjew und US-Präsident Richard Nixon liefern sich ein Wettrennen. Schlagzeile in der Moskauer Prawda: „Breschnjew Zweiter, Nixon Vorletzter.“

„Fake News“ gibt es also schon länger. Weshalb sie jüngst wieder in Mode geraten, hat mit unseren Leitmedien zu tun. Die Sache mit den Zigeunern war nur der Anfang. Bald wurden alle Nachrichten zensiert, die Ausländer betrafen. Etwa die „westfälischen Großfamilien“, die sich regelmäßig zwischen Hamm und Uentrop auf offener Straße an die Gurgel gehen.

„Fake News“?

Der unbescholtene Leser denkt an zwei Münsteraner Knackibrüder, verstärkt um Cousin und Schwager, die irgendeinen alten Strauß ausfechten. Pustekuchen. Westfälische Großfamilien, das sind Kohorten von dreißig und vierzig Mann. Schreibt nur keiner, wo die herkommen, was das für welche sind. „Fake News“?

Oder die Kriminalitätsstatistik. Da liegt der Ausländeranteil regelmäßig im hoch zweistelligen Bereich. Doch, o Wunder! Der fortschrittliche und ewigmorgige Teil unserer Politiker und Journalisten – rotrotgrün mit einer guten Prise CDU vermischt – schafft mit statistischen Verrenkungen den Beweis, daß die autochthone deutsche Bevölkerung mindestens so kriminell ist wie die durchgaunerten Zuwanderer. Das wird dann von den Medien als Wahrheit verkauft. „Fake News“?

Ein Ereignis, zwei Berichte

Oder die jüngste Auseinandersetzung um die Dortmunder Ausschreitungen in der Silvesternacht. Die etablierten Ruhrnachrichten schreiben:

Zwischen etwa 18.45 und 01.30 Uhr zogen überwiegend junge ausländische Männer in großen und kleinen Gruppen durch die Innenstadt. Am Platz von Leeds bildeten sie eine große Gruppe, bestehend aus mindestens 1.000 Menschen. Pyrotechnik wurde in die Menschenmenge und auf Polizisten geworfen. Am Hauptbahnhof feuerte ein Unbekannter eine Silvesterrakete auf einen Obdachlosen ab und verletzte ihn schwer. Von der Kleppingstraße aus mußte die Feuerwehr ein brennendes Bauzaun-Fangnetz an der Reinoldikirche löschen.

„Fake News”? Die US-amerikanische Webseite Breitbart News berichtete vom selben Ereignis:

Am Neujahrsabend richtete ein Mob von über 1.000 Menschen unter Allahu-Akbar-Gesängen Feuerwerkskörper auf Polizeikräfte und setzte eine historische Kirche in Brand. (…) Die Nacht wurde im Polizeibericht als ‘ruhig‘ und von einem Sprecher der Stadtverwaltung als ‘normal‘ bezeichnet. (…) Um Mitternacht drohte die Lage dann zu eskalieren. Laut dem Liveticker der Ruhrnachrichten begann eine Menge von ‘über 1.000 jungen Männern’, Feuerwerkskörper in Richtung anderer Besucher, darunter Familien mit Kindern, zu schleudern. Auf die polizeiliche Aufforderung hin, dies zu unterlassen, richteten die jungen Männer ihre Feuerwerkskörper auf die Polizeibeamten. Trotz des Verbots, Feuerwerk in der Umgebung historischer Kirchen zu entzünden, wurden diese auf die Reinoldikirche geworfen, deren Dach sich entzündete.

Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

„Fake News”? Das herzogliche Haus Oldenburg trägt einen Wappenspruch, der die alte Zeit verkörpert: ein Gott, ein Recht, eine Wahrheit. Das war einmal. All die französischen Philosophen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, die Deleuzes und Derridas, haben unser Weltbild und Selbstverständnis gründlichst destrukturalisiert. Wahr ist nur noch, was wir wollen, wenn überhaupt.

Wer da nicht mit will, und das sind viele, mißtraut seither den offiziellen Bekanntmachungen. Mißtraut der Mär von den westfälischen Großfamilien. Den Polizeiberichten. Den Verlautbarungen. Gleichzeitig machen Provokateure sich breit. Verschwörungstheoretiker. Beispiel Dortmund, Silvesternacht.

Wer weiß, die Ruhrnachrichten untertreiben wahrscheinlich genauso wie der Polizeibericht. Alles normal und wie immer. Genauso klang es aus Köln vor einem Jahr. Breitbart News hingegen übertreibt, „Fake News“ alle beide. Bauernregel 2017: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Soziale Netzwerke: „Fake News“ gibt es schon länger Foto: picture alliance
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