Markus Krall Freiheit oder Untergang
Europawahlkampf der Grünen
Europawahlkampf der Grünen Foto: Der Wind des Zeitgeists wird böig dpa

Meinung
 

Das grüne Dilemma

In den achtziger Jahren beglückten die Grünen eine Generation, die traditionelle Tugenden und Institutionen ablehnte und Unbehagen an der Überflußgesellschaft durch eine Protestkultur kompensierte. Ihr spätpubertärer, hippiehafter Charme, ihre Weckrufe gegen Kernkraft, Umweltzerstörung und den Nato-Doppelbeschluß gerieten zum Religionsersatz. Rationalität und komplexe Verantwortungsethik blieben den „Ökopaxen“ eher fremd. Sie punkteten mit ihrer Kreativität und Kampagnenfähigkeit.

Dieses in Teilen helle Bild wird zusehends trüber, seit Kernfragen der Staatlichkeit in den Fokus rücken, die das linksgrün-utopistische Weltbild überdehnen. In zweifacher Hinsicht sieht sich die Partei anschwellender Kritik ausgesetzt. Sie gilt erstens dem Menschen- und Bürgerrechtskult ihrer Führungskader, der sich vernünftigen begrifflichen Begrenzungen und behutsamer Abwägung mit anderen Rechtsgütern völlig verschließt.

Unüberbrückbare Distanz zur Volksherrschaft

Ausschweifend rä­sonieren die Grünen über Demokratie, wollen gar „radikaldemokratische Anstöße“ liefern, entlarven zugleich aber ihre unüberbrückbare Distanz zur Volksherrschaft. Ein souveränes Volk in einem souveränen Nationalstaat, gemeinsame politische Willensbildung mit abschließender Mehrheitsentscheidung − vitale Essenzen des Demokratieprinzips sind kein Stoff für Minderheitsfetischisten.

Was deutsche Bürger mehrheitlich denken und wollen, beschäftigt sie nicht mal im Ansatz. Jakobinerhaft kämpft die Partei für die Teilhabe von Lesben, Schwulen und Migranten „im zusammenwachsenden Europa“. Grüne Demokratiebeschwörung − das ist ein listiger Fake, eine „Volksherrschaft“ ohne Volk.

Zweitens pflegen grüne Vordenker eine feindselige Sicht auf die deutsche Geschichte, die sie als Abfolge von Unterdrückung und liquidatorischem Rassismus wahrnehmen (wollen). Wer diese ideologische Engführung, diesen weltweit einzigartigen „Nationalmaso­chismus“ kritisiert, wird zur Zielscheibe wüster Beschimpfungen.

Erwähnen Sie konservativ, rechts oder AfD

Machen Sie einen Test und erwähnen gegenüber doktrinären Grünen die Begriffe konservativ, rechts oder AfD! Die Gesichter Ihrer Gesprächspartner werden die Züge schwäbisch-alemannischer Fastnachtsmasken annehmen.

Dieser Haß wirkt um so grotesker, als Moslems, also Anhänger einer selbst in ihrer gemäßigten Variante antimodernen Religion, von denselben Volkspädagogen liebevoll umarmt werden. Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer liefert einen Erklärungsansatz: „Bei der Linken hat die Idealisierung des Fremden eine lange Tradition.“ Ergänzend betont der Schweizer Publizist Frank A. Meyer die Sehnsucht kulturgesättigter Intellektueller nach dem „Edlen Wilden“. Jean-Jacques Rousseaus Zivilisationskritik läßt grüßen.

Aber kann das Narrativ vom „Edlen Wilden“ den Ausverkauf abendländischer Kultur durch grüne Fundamentalisten hinreichend erklären? Geht deren ideologische Pervertierung so weit, die zumindest tendenzielle Frauenverachtung im real existierenden Islam für „edel“ zu halten? Oder verbirgt sich hinter linksgrüner Liebe zu Flüchtlingen und anderen Muslimen nicht eher Berechnung?

Besuch bei einem Fundamentalisten

Sollen die zu CDU/CSU und AfD abgewanderten Arbeiter durch ein neues „revolutionäres Subjekt“ ersetzen werden, das sich aus einem unüberschaubaren Heer von „Neubürgern“ rekrutiert, die in der Wahlkabine Rot oder Grün ankreuzen?

Unlängst besuchte ich einen 60 Jahre alten Bekannten, der sich als frischgebackener Fundamentalist entpuppte. Seit 2015 ist er in der Flüchtlingshilfe und auf kommunaler Ebene bei den nordrhein-westfälischen Grünen aktiv. Im Hobbykeller skizzierte der Mann seine Vision vom künftigen Deutschland, die auf der Existenz einer „Bevölkerung in einer einzigen hellbraunen Mischrasse“ basiert.

Absurdität und Rassismus dieser Vision waren ihm nicht bewußt − Folge ungezügelter kultureller Hegemonie eines internationalistischen Denkens, dessen Prämissen und Folgerungen sich jahrzehntelang in keinem Diskurs, in keiner kontroversen Debatte bewähren mußten.

Wind des Zeitgeists dreht sich

Aber der Wind des Zeitgeists wird böig und beginnt sich zu drehen. Ein verbreitetes Boulevardblatt machte sich zum Anführer einer „Nafri/Grüfri“-Kampagne gegen die überforderte Co-Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Simone Peter. Grüfri steht für „Grün-Fundamentalistisch-Realitätsfremde Intensivschwätzerin“.

Ohne radikalen Kurswechsel zu nichtdogmatischen Dissidenten wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer dürften die Grünen im Entsorgungscontainer der Politik verschwinden. SPD und Linkspartei hätten dann einen Konkurrenten weniger, und die CDU könnte sich vielleicht noch nicht von Angela Merkel, wohl aber von der Hypothek schwarz-grüner „Pizza Connections“ befreien.

Europawahlkampf der Grünen Foto: Der Wind des Zeitgeists wird böig dpa
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