Armenier
Gendekstätte für den Völkermord an den Armeniern in Eriwan Foto: picture alliance/dpa

Kommentar zum Völkermord an den Armeniern
 

Unwürdiger Eiertanz

Die Ausmordung der Armenier, die die von der jungtürkischen Partei gestellte politische Führung des Osmanischen Reichs vor hundert Jahren, am 24. April 1915, in Gang gesetzt hat, war ein Völkermord. Was sonst? Einmal mehr führt die deutsche Politik um die Benennung dieser Selbstverständlichkeit einen unwürdigen Eiertanz auf.

Immerhin, das Wort „Völkermord“ soll nun erstmals in einem vom Bundestag zu beschließenden Dokument zu den türkischen Verbrechen am armenischen Volk vorkommen. Wenn auch schüchtern versteckt in einer gewundenen Wortgirlande und mit dem so unnötigen wie offenbar unvermeidlichen Verweis auf den „Holocaust“ der Nationalsozialisten.

Leugnung ist nicht gleich Leugnung

Die Gründe für diese Feigheit vor dem freien Wort sind leicht auszumachen: Die Bundesregierung will die Türkei und ihren Präsidenten Erdogan nicht erzürnen. Der hat schon dem Papst vorgeworfen, „Unsinn“ zu reden, weil er den Völkermord Völkermord nennt, und dem EU-Parlament „religiösen und kulturellen Fanatismus“ unterstellt, weil es die Türkei zur Anerkennung der Fakten aufgefordert hat. Wer die Türkei wegen eines von Türken begangenen Völkermordes kritisiert, ist also ein „Rassist“. Man stelle sich diese Reaktion mal, mutatis mutandis, aus deutschem Politikermund vor.

Frankreich, die Schweiz, Schweden und weitere Länder haben in den vergangenen Jahren beträchtliche diplomatische und ökonomische Verwerfungen mit der Türkei auf sich genommen, weil ihre Parlamente Armenier-Resolutionen verabschiedet haben. In Deutschland dauert dagegen auch hundert Jahre nach dem Genozid die paradoxe Situation an, daß ein Land, in dem die Leugnung des einen Völkermords unter Strafe steht, sich ziert, einen anderen Völkermord klar zu benennen, aus Furcht vor den politischen Führern und hier lebenden Bürgern eines Landes, in dem man ins Gefängnis kommen kann, wenn man eben diesen Völkermord als solchen bezeichnet.

Neurotische Untertöne

Die Bundesregierung geht mit ihrem Kuschelkurs vor Erdogans Türkei nämlich nicht nur am langen Gängelband der USA, die dem geschätzten Nato-Partner ebenfalls nicht auf die Füße treten wollen – auch Barack Obama spricht, seit er Präsident ist, nicht mehr vom Völkermord an den Armeniern. Sie fürchtet auch das Erpressungspotential von Millionen hier lebender Türken.

Allzu viele von ihnen, selbst wenn sie einen deutschen Paß haben, verstehen sich in erster Linie als treue Untertanen der Türkei und lassen sich von „ihrem“ Präsidenten gern gegen ihr Gastland mobilisieren. Von Verklausulierungen und diplomatischen Zwischentönen lassen sie sich dabei nicht beeindrucken; auch gegen den zahmen Resolutionsentwurf der Koalition haben türkische Lobbyverbände und der türkische Außenminister bereits scharf protestiert.

Die Debatte über den türkischen Armenier-Genozid, die die Bundesregierung wegen ihrer Samtpfotigkeit unter Druck setzt, verläuft nicht ohne neurotische Untertöne. Zu viele in Deutschlands politisch-medialer Klasse können den Gedanken offenbar nicht ertragen, daß der erste Millionen-Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts nicht in deutscher Verantwortung geschah.

Absurde und schräge Vergleiche

Die einen relativieren und ziehen schräge Vergleiche und meinen, Deutschland solle sich, wieder mal, an die eigene Nase fassen und zum „Völkermord“ an den Herero bekennen, der zeitlich noch früher lag, tatsächlich aber ein, wenn auch mit großer Härte geführter, Kolonialkrieg war.

Die anderen konstruieren, mit Schützenhilfe zeitgeistiger Historiker, eine Mit- oder gar Hauptschuld des Deutschen Reichs an den Armenier-Verbrechen ihres türkischen Verbündeten. Das ist nicht nur deswegen absurd, weil der Genozid von der Regierung angeordnet wurde und nicht vom Militär, auf das Deutschland durch entsandte Berater einen gewissen Einfluß hatte, sondern auch, weil die Protestnoten deutscher Diplomaten und Generäle und vor allem der leidenschaftliche Einsatz von Männern wie Pater Johannes Lepsius den Genozid überhaupt erst öffentlich machten.

Ehrlichkeit könnte helfen

Daß die kaiserliche Regierung und Armee darauf nicht reagierte und in Kriegszeiten dem Verbündeten am Bosporus nicht in den Arm fallen wollte, ist kein Ruhmesblatt, aber von der Haltung der Steinmeier, Merkel und Obama zur heutigen türkischen Führung nicht so weit entfernt, wie die zeitliche Distanz es erscheinen lassen mag.

Eine masochistische und nationalneurotische Vergangenheitsbewältigung nach deutschem Vorbild wird niemand klaren Verstandes von der heutigen Türkei verlangen. Wohl aber, ihre Bürger christlichen Glaubens und anderer Volkszugehörigkeit nicht länger als Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Und vor allem die Ehrlichkeit, historische Fakten ohne Ausflüchte, Einschränkungen und Relativierungen beim Namen zu nennen.

Eine Ehrlichkeit, die übrigens auch uns Deutschen helfen könnte, zur Normalität zurückzufinden. Den Völkermord an den Armeniern einfach einen Völkermord zu nennen könnte ein Anfang sein.

Gendekstätte für den Völkermord an den Armeniern in Eriwan Foto: picture alliance/dpa
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